Meine Vermutung, dass hier in den letzten Tagen nicht ein einziger Fisch gefangen wurde, wurden bestätigt. Angesichts der vielen Schnüre im Wasser und der trampelnden Horde am Ufer weiß sogar ein seniler Karpfen mit Seitenlinienstörung, dass hier etwas nicht in Ordnung ist. Aber auch aus so einer Situation kann man als Karpfenangler seine Vorteile ziehen, und zwar indem man dem Angeldruck aus dem Weg geht. So belud ich mein Boot und steuerte den letzten Winkel des Gewässers an, von dem ich wusste, dass ich hier in der Nacht absolute Ruhe haben würde. Einen zurechtgeschnittenen 24er-Boilie platzierte ich peinlichst genau per Hand unter einem weit übers Wasser hinausragenden Baum. Ein Fluo-Pop-Up am Hinged Stiff Rig wurde ganz vorsichtig direkt ins Kraut an meiner eigenen, von anderen kaum befischten Uferseite platziert, maximal 10 Meter entfernt von der Uferkante. An beiden Spots fütterte ich nur sehr dezent mit einigen ganzen und halbierten Boilies.

Da ich keine Unruhe am Ufer verbreiten wollte, verzichtete ich auf den Aufbau meines Bivvies und beschloss, einfach unter dem Schirm zu schlafen.

Gegen Mitternacht hörten auch die Jugendlichen am anderen Ufer auf zu lärmen und es kehrte Ruhe ein. Kaum 30 Minuten später schlug die Falle beim Baum zu! An einem Drill vom Ufer war aufgrund des Krauts nicht zu denken, also fuhr ich dem Fisch entgegen. Bei dieser Aktion sammelten sich gefühlte 10 Kilo Kraut in meiner Schnur. Es war kein leichtes Unterfangen, den Fisch mitsamt dem Kraut in den Kescher zu bugsieren, aber schließlich schaffte ich es und konnte mich wenig später über einen tollen, kleinen Schuppi mit zwei charakteristischen weißen Flecken am Kopf freuen.

In den frühen Morgenstunden wurde es empfindlich frisch, weshalb ich mich noch tiefer in meinen Schlafsack verkroch. Ich musste eingeschlafen sein, denn als mich der Dauerton der Uferrute aus der Liege warf, war es schon hell und die ersten Sonnenstrahlen heizten die Luft auf. Wieder entstand ein Drill auf Biegen und Brechen, nicht wegen des Fisches, sondern wegen dem vielen losen Kraut, das auf der Oberfläche herumtrieb und sich in meiner Schnur sammelte. Als ich über dem Fisch war, hatte ich meine Mühe, die Schnur zumindest so weit von Kraut zu entfernen, dass an ein Keschern zu denken war. Ich wusste: Der Haken muss in so einer Situation bombenfest sitzen!

Als der Fisch - ein feister Spiegler - nach langem Hin und Her endlich auf der Matte lag, untersuchte ich den Hakensitz: Der Korda Choddy Haken der Größe 6 saß bombenfest in der Unterlippe - perfekt. Es war mir natürlich eine besondere Freude, diesen Fisch im ersten Sonnenlicht des Tages zu fotografieren.

Fazit: Andere Wege zu gehen zahlt sich aus. Mich wunderte es nicht, dass ich in dieser Nacht der einzige Angler am Gewässer war, der gefangen hat. Bei vielen Anglern gibt es für mich nur eine Option: Weg vom Angeldruck!







