Am Wasser lauert ein Angler, konzentriert bis in die Haarwurzeln: Bisher ist noch nichts passiert, aber langsam schiebt sich ein Schatten aus den Seerosen hervor, und nähert sich dem einzelnen Stück Schwimmbrot. Der Fisch verharrt regungslos unter dem Köder, und lässt ihn nicht aus den Augen. Schließlich nimmt er das Brotstück kurz in den Rüssel, spuckt es aber sogleich wieder aus, und betrachtet es weiter.
Der Angler, nennen wir Fritz, kauert angespannt hinter einem Busch, wartet auf den alles entscheidenden Moment, der ihn jedes mal aufs Neue zusammenzucken lässt: Wenn der Karpfen das Brot nimmt, und geräuschvoll abdreht.
Ein weiterer Fisch schiebt sich ins Bild, und das ist der Moment, in dem der erste das Brotstück von der Oberfläche pflückt. Fritz setzt einen wohldosierten Anhieb, und wieder einmal geht die Post ab! Das Wasser spritzt, die Rolle kreischt, aber alles geht gut, und Fritz kann einen ansehnlichen Karpfen landen. Nachdem der Fisch vermessen, fotografiert und zurückgesetzt ist, setzt sich Fritz auf einen Stein, sucht nach der Zigarettenschachtel, und durchlebt das eben Erlebte noch einmal.
Er denkt: "Karpfen müssen unglaublich schlaue Tiere sein. Dieser kleine Privatsee wird nur selten befischt, kein Wunder bei dem Kartenpreis. Angeldruck kennen die Fische hier nicht, und trotzdem war dieser Karpfen so vorsichtig. Meine Montage kann er eigentlich nicht bemerkt haben, schließlich habe ich auf die kurze Distanz mit freier Leine gefischt. Und dennoch, so ein kritischer Biss! Als ob er etwas geahnt hätte."
Ich denke:
Fritz sitzt einem Irrtum auf, er vermenschlicht das Verhalten des Karpfens. Der Karpfen ist ein Gewohnheitstier, und obendrein ein Feinschmecker. "Was der Bauer nicht kennt, frißt er nicht" gilt nicht für den Karpfen. Aber der Karpfen schlingt nicht alles, was ihm über den Weg schwimmt, wahllos herunter, sondern prüft es eingehend auf Fressbarkeit, er will sich schließlich keine Magenverstimmung holen.
An Fritzen's See wird nur wenig geangelt, gefüttert wird wahrscheinlich gar nicht. Möglicherweise ist der Karpfen noch nie mit Brot in Kontakt gekommen, daher seine Zurückhaltung vor dem Biss. Von der ihm gestellten Falle hatte er wahrscheinlich keine Ahnung.
Das nur als Eingangsüberlegung. Mich würde interessieren, welche Erfahrungen habt ihr gemacht, ins Besondere an stärker befischten Gewässern:
Sind Fische tatsächlich lernfähig? Sind sie in der Lage, eins und eins zusammenzuzählen, und zB einen oft eingesetzten Köder zu meiden? Habt ihr den Eindruck, dass die Fische unsere Anwesenheit als Angler, und die Fallen, die wir ihnen stellen, tatsächlich durchschauen?






