Ich ging keine Experimente ein, alles blieb beim Alten: Eine Rute kurz, eine Rute lang, per Schleuder etwa einen Kilo Boilies pro Spot gefüttert, und ab ging's. Naja, das mit dem Abgehen funktionierte vorerst einmal nicht. Als der schon fast zur Gewohnheit gewordene 20-Uhr-Biss ausblieb, befürchtete ich schon, dass es nun zäher gehen würde als die Wochen zuvor, und so war es auch. Die ganze Nacht lang blieb ich ohne Biss. Immer wieder dachte ich daran, die Ruten neu auszuwerfen, denn vielleicht hatte sich ja beim Rig etwas verheddert, doch ständige Schnurschwimmer hinderten mich daran. Die Fische waren offensichtlich da!
Die Nacht war warm, und ich konnte nicht richtig schlafen. In den frühen Morgenstunden holte ich die Kurzdistanzrute dann doch ein und warf sie erneut aus, bestückt mit einem Stringer mit drei Boilies. Und es funktionierte: Nach einigen weiteren Schnurbissen - die Fische waren anscheinend sehr aktiv - warf mich ein Dauerton von der Liege. Ich nahm die Rute auf und spürte den Fisch kurz, doch dann brach der Kontakt ab. Ich war enttäuscht und wollte die Montage schon lustlos einkurbeln, als ich merkte, dass da was nicht stimmte. Und tatsächlich - mir fiel ein Stein vom Herzen - war der Fisch noch dran und einfach nur in einem leichten Halbkreis rasend schnell auf mich zugeschwommen. Als ich wieder Kontakt hatte, befand sich der Karpfen bereits vor meinen Füßen und legte hier noch einige brachiale Fluchten hin. Schließlich schaffte er es noch, die Schnur der zweiten Rute zu erfassen und einen hoffnungslosen Schnursalat zu bilden. Und dann war er im Kescher!
Ein makelloser Schuppi, etwa zwischen 8 und 10 Kilo schwer. Das Wiegen ersparte ich mir, denn ich hatte genug damit zu tun, die beiden Schnüre auseinander zu kriegen. Schließlich half alles nichts, und ich musste die noch ausgelegte Schnur in der Mitte kappen und die Montage per Hand einholen. Anders hätte ich nicht die geringste Chance gehabt, diese Verhedderung zu entwirren. Nun konnte ich den Fisch samt Netz endlich aus dem Wasser heben und auf die nasse Abhakmatte hieven, wo ich noch die restlichen Schnurreste und das Rig aus dem Kescher zauberte... So eine Unordnung im Kescher hatte ich selten erlebt.
Und das Außergewöhnlichste: Irgendwo zwischen Kapfen, Rig und Schnüren fand ich ein kleines, etwa 10 cm langes Hechtbaby, das ich versehentlich mitgekeschert hatte. Ich schaffte es, das Tier schnell wieder zurück ins Wasser zu bringen. Ich hoffe, ihr verzeiht, dass ich kein Foto gemacht habe, aber in dem Moment hatte ich echt andere Sorgen.
Nun war alles entwirrt, und ich hängte den Karpfen samt Wiegeschlinge ins Wasser, um meine Kamera vorzubereiten. Als Lohn für die ganzen nervenaufreibenden Mühen wollte ich wenigstens ein schöne Bild haben. Alles war eingestellt und ich fotografierte munter drauf los. Alles klar, Fisch wieder in die Schlinge, Schlinge zugemacht, Fotos gecheckt: Scheiße! Ich hatte vergessen, die Tonwertkorrektur richtig einzustellen, es war kaum etwas zu erkennen. Und in den zwei Sekunden, in denen ich alles korrigierte, begann der Fisch auf der Matte natürlich zu schlagen, rutschte sogar aus der Schlinge und von der Matte, doch ich war blitzschnell zur Stelle. Gottseidank habe ich immer einen oder zwei Eimer mit Wasser neben der Matte stehen... Am Ende schaffte ich es doch noch, ein paar schöne Bilder zu schießen.

Der Fisch war in einem super Zustand, sehr lebhaft und verabschiedete sich mit einem kräftigen Schwanzschlag putzmunter wieder ins Wasser.
Nun war es ohnehin schon hell, und ich sah keinen Sinn mehr darin, neu auszuwerfen, weshalb ich mich schnell auf den Heimweg machte.






