"Besuch von der Karpfenpolizei"
Ich habe genau einen Tag und eine Nacht, um mich von der Session zu erholen und treffe früh meine letzten Vorbereitungen für das Angeln am nächsten Gewässer, um am Abend Zeit für ein Bier mit Freunden zu haben. Schön, wieder einmal mit Menschen reden zu können. Aus einem Bier werden schnell mehrere, und so geht es bis weit nach Mitternacht weiter. Am späten Vormittag wache ich in einem Bett auf, das definitiv nicht meines ist, mir aber doch bekannt vorkommt. Ein Blick zur Seite: Puh, Glück gehabt. Eine böse Überraschung bleibt mir erspart.
Irgendwann sitze ich dann doch im voll bepackten Carpmobil und fahre über die Pack in Richtung Leibnitzerfeld. Der schöne und gepflegte FZZ-See ist mein Ziel. Zuvor muss ich aber nochmal zuhause vorbeifahren, um mich umzuziehen. Leberkässemmel mit "alles" und Autofahren vertragen sich halt nicht wirklich gut.
Mein Freund Joe hat bereits zwei Nächte hinter sich und sieht mehr als mitgenommen aus. Wie es sich herausstellt, feierte er bis spät in die Nacht mit seinen Platznachbarn, die einen richtig Dicken landen konnten. Wahnsinn, was ein paar Jahre Karpfenfischen aus einem ernährungsbewussten, durchtrainierten Bodybuilder machen können. Ich kann mich noch genau erinnern, als er bei unserer ersten gemeinsamen Session nur Hühnerbrüstchen und Mineralwasser zu sich genommen hatte. Naja, die gute Nachricht ist, dass auch Joe einen schönen Fisch überlisten konnte.
Wir besichtigen meinen Platz, und ich lasse mir einige Tipps für potentielle Fischbringerspots geben. Abends kehrt Joe mit einem Topf voll köstlicher Ripperl zurück. Später gesellt sich noch Sigi von Boilie & More zu uns, der meine Boilielieferung direkt ans Wasser bringt. Das nenne ich Kundenservice. Meine Rigs sind mittlerweile positioniert: Einmal Freiwasser, einmal Seerosenfeld, einmal eine ufernahe Bucht. Das sollte doch klappen!
Ich bin todmüde und schaffte es nicht einmal mehr, einen hochinteressanten Carpworld-Artikel über unterschiedliche Schnurfarben zu Ende zu lesen, bevor mir die Augen zu fallen.

Plötzlich werde ich unsanft von meiner Liege gerissen. Zwei uniformierte Gestalten zwingen mich zu Boden und legen mir Handschellen an. "Karpfenpolizei!", schrie der eine. "Sie sind vorläufig festgenommen!" Die beiden führen mich zu einem provisorisch aufgebauten Pelzer Bunker. Darin ein Bivvytable und zwei Carpchairs. Soll wohl so eine Art Verhörraum sein. Man weist mich an, Platz zu nehmen.
Der eine Bulle, ein kleiner, dickerer mit Schnurrbarrt, knallt mir einen Ordner mit Akten auf den Tisch. "Polsinger", sagt er. "Wir sind ihnen schon lange auf der Schliche, aber weil sie die Wochenenden mit schönem Wetter für gewöhnlich meiden, hatten wir nie Gelegenheit, Sie uns vorzuknöpfen."
Ich hatte einen Fehler gemacht. Wie konnte ich auch nur an einem Wochenende an einem so genannten "Szenegewässer" aufkreuzen? Der andere Bulle, ein großer mit kurz geschorenen Haaren, kramt eine Liste hervor. "Unseren Aufzeichnungen nach sind ihre Banksticks bei 100 Prozent Ihrer Sessions so angeordnet, dass die vorgeschriebene parallele Ausrichtung ihrer Ruten von mindestens 45 Grad gen Himmel vollkommen unmöglich ist. Zudem verwenden Sie regelmäßig im Rahmen einer einzigen Session Ruten und Rollen verschiedener Hersteller. Damit verstoßen Sie gegen Paragraphen 6a des Carphunter-Einheitsbreigesetzes."
"Aber damit will ich mich ja nur auf die unterschiedlichen Gegebenheiten am Wasser..."
Der größere unterbricht mich harsch. "Blödsinn! Wir wissen, was Sie vorhaben. Sie raten jungen Nachwuchshuntern ab, sich als ersten Ausrüstungsgegenstand ein Rodpod zu kaufen. Sie verbreiten die dreckige Lüge, ein guter Boilie würde kein ausgewogenes Aminosäurenprofil brauchen. Sie konfrontieren andere mit der Tatsache, dass man während der schwülen Sommernächte eigentlich kein Zelt braucht. Und was soll dieses Stein-statt-Blei-Ding überhaupt? Zudem haben Sie sich kritisch gegenüber drei unserer gewinnbringendsten Werbefiguren geäußert. Wenn das jeder so machen würde, wäre unser Imperium im Nullkommanix den Bach runter!"
Ich bin einigermaßen erstaunt: "Welches Imperium?"
Die beiden sehen sich vielsagend an . Dann beginnt der kleinere zu erzählen: "Vor etwa 60 Jahren hatte unser aller Großmeister eine Vision. Eine Idee, wie er es schaffen könnte, dass Männer zwischen 20 und 60 weit über 50 Prozent ihres monatlichen Einkommens in unser Unternehmen pumpen würden. Und das alles ohne Gegenleistung. Naja, bis auf ein paar billigst produzierte Ausrüstungsgegenstände. Die Wirren des zweiten Weltkrieges waren die perfekte Gelegenheit, um mit der Operation Carphunter zu beginnen. Dann kam der erste Versuch mit Dick Walker und seiner Clarissa, und der schlug ein, wie eine Bombe. Das zeigte uns, dass wir starke Werbefiguren brauchen. Unsere Marketingabteilung war sehr kreativ: Chis Yates, Rod Hutchinson, Andy Little, Tom Dove... Es ist im Prinzip wie bei einer Boyband. Für jeden Mädchentyp ist eine passende Identifikationsfigur vorhanden."
Ich kann es kaum glauben: "Und was mit mit Terry Hearn? Und Danny Fairbrass?"
Da beginnen die beiden zu lachen.
"Fairbrass ist nicht mal ein Mensch", sagt der größere. "Wir losen jede Woche aus, wer diesmal das Fairbrass-Kostüm anziehen muss."
Ich erwache erst spät am Morgen. Die Kerle mussten mir KO-Tropfen oder sowas eingeflößt haben, um meine anglerischen Fähigkeiten einzuschränken, denn ich ich kann mich nicht erinnern, was danach noch passierte. Anscheinend bin ich mit einer Verwarnung davongekommen. Ich stehe auf und arrettiere erst einmal meine Banksticks. Man weiß ja nie...
- Fortsetzung folgt -




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