
Wie viel Tage und Nächte mochte ich wohl in den letzten 16 Jahren Angelpraxis an den Ufern der schönen Kärntner Gewässer verbracht haben? 800, 900, 1000? Was ist es, das mich immer wieder dazu zwingt, die geheiligten Ufer aufzusuchen? Wie viele Entbehrungen habe ich für die paar Fische in Kauf genommen? Wie viele Chancen deshalb vergeben? Ich wusste es nicht...
Und das viele Geld, das ich in all den Jahren in dieses, nennen wir es Hobby, gesteckt habe... Ich erinnere mich an die Zeit, in der ich als Schüler das Pausengeld der ganzen Woche zusammensparte, um mir die nächste Tageskarte kaufen zu können... Doch wäre ich mit einem Patzen Geld am Konto ohne all die großartigen Erfahrungen am Wasser glücklicher? Bestimmt nicht. Wie oft hatte ich zu meinen schlimmsten Zeiten mit eine Verflossenen enttäuscht, weil ich völlig übermüdet von einer Nachtsession zurückkam, zu nichts mehr zu gebrauchen und komplett überreizt war? Ja, rückblickend würde man wohl einiges anders machen...

Erst vor kurzem habe ich begonnen, mich anglerisch wieder komplett auf mich selbst zu konzentrieren. Ich klammerte alles Schlechte einfach aus. Den Müll am Ufer, den Raubbau am Fischbestand, die überlaufenen Gewässer. Nur nicht hinsehen? Ja, genau! Es gab Zeiten, in denen es mich schon die ganze Woche in mir nagte, ob mein anvisierter Platz am Wochenende überhaupt frei sein würde, und wenn ja, in welchem Zustand er sich befinden würde. Jetzt versuche ich, die Wochenenden wenn möglich einfach zu umgehen.
Das Fangen wurde irgendwann in den letzten Jahren zur Normalität. Dass ich oft schon in den frühen Morgenstunden die Ruten einholen musste, um wenigstens etwas Schlaf zu bekommen, während am ganzen Gewässer die Bissanzeiger schwiegen, überraschte mich nicht wirklich. Ich bildete mir nie was darauf ein. Nach so viel Zeit am Wasser muss man ja irgendwann einmal checken, wie's läuft. So schwer ist Angeln auch wieder nicht. Wäre wohl den meisten anderen auch so gegangen.
Dabei war es nie der Drill, der mich reizte. Den könnten von mir aus auch andere besorgen. Dem Instinkt zu folgen, die richtigen Plätze und Köder zu wählen, das Rig so zu platzieren, dass der Fisch keinen Verdacht schöpft, zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein - das ist es, was Angeln für mich ausmacht.
Jetzt ist es 23 Uhr, und ich sitze wieder am Ufer. Der bleiche Vollmond spiegelt sich an der spiegelglatten Wasseroberfläche, die nur ab und zu von einem kleinen Fisch durchbrochen wird, der nach einem Insekt schnappt. Draußen warten meine Rigs auf einem Bett aus Boilies auf ihre Abnehmer. Ich befische ein großes Rückstaugebiet der Drau, an dem ich heuer noch nichts fangen konnte, und grüble vor mich hin. Die einzigen Signal, die meine Bissanzeiger aussenden, stammen von der leichten Strömung, die durch das ständige Auf- und Abstauen verursacht wird. Die Spannung steigt unaufhörlich. Ich habe ein gutes Gefühl.

Noch vor Mitternacht schlafe ich ein, und ich schlafe gut. Kurz nach vier klingelt der Wecker. Ich greife zum Bivvytable, um den Störenfried zum Schweigen zu bringen, drücke immer wieder auf dem Handy herum, bis ich erst realisiere, dass es nicht das Telefon ist, das mich aus dem Schlaf gerissen hatte, sondern die Funkbox. Dauerton! In Sekundenbruchteilen bin ich voll da und stehe mit gekrümmter Rute am Ufer. Der Fisch gibt sich kampfstark, und ich rechne insgeheim mit einem Dicken, doch die Draufische haben mich da schon zu oft getäuscht. Und so war es auch diesmal. Ein Schuppenkarpfen von etwa 8 Kilo gleitet über das Keschernetz. Auf einer Flanke hat er einige blutige Wunden, die entweder vom Laichen oder vom unwaidmännischen Umgang eines anderen Anglers stammen.

Mittlerweile graut der Morgen, und ich liege wieder flach. Eine Stunde später geht die Pop Up-Rute ab. Ein abermals sehr kampfstarker kleiner Spiegler tritt den Landgang an. Strike!

Die restlichen Stunden tut sich nichts. Ich ziehe mir das Bedchaircover über den Kopf, um meine Augen vor dem Licht zu schützen und schlafe wieder ein, bevor ich um acht Uhr morgens einpacken muss, um den nächsten Kurs zu erwischen. Bis zur nächsten Session...






