Vorbei an den in Herbst gewandten Bäumen
Hinaus ins Moor
Was, wenn der Winter kommt...
Der Frost das Land durchzieht
Der Sumpf so trist und schön als wie zuvor
Wenn Weiß den Weg sich sucht
In die gedeckten Töne
Dringt sanft und leise das Lied der Winde an mein Ohr
Wenn unscheinbare Schönheit
Sich unter Grau in weiße Seide kleidet
Was träumen dann die Schwäne im Moor?
(Nocte Obducta - Die Schwäne im Moor)
Es ist still um mich herum. Totenstill. Kein Vogel zwitschert, kein Getier raschelt im Unterholz. Die Temperaturen sind unter Null gefallen und Eiskristalle bilden sich an der feuchten Zeltwand. Ich liege in meinem Fleeceschlafsack und schlummere vor mich hin. Die Wärmeflasche machte die Nachtstunden erträglich. Wer braucht schon Winterskin, Zeltboden und -heizung? Keine Frage, der Winter steht vor der Tür. Die triste Einsamkeit, die die langen Nächte am Wasser fest in ihrem eiskalten Griff hat, ist förmlich zu spüren. Keine andere Jahreszeit übt auf mich so eine Faszination aus wie der Spätherbst. Trotz der grauen Tage, trotz des trüben Himmels, trotz der unwirtlichen Nächte entfaltet die Natur nun eine besondere Schönheit. Doch es kostet viel Überwindung, jetzt noch die Ausrüstung zu packen und sich den Elementen zu stellen, und es braucht mentale Stärke, die endlosen, dunklen Stunden allein zu verbringen. Ich habe glücklicherweise einen Kollegen bei mir: Draußen vor dem Zelt liegt der Phantomwaxxler, der wohl wahnsinnigste Karpfenangler Österreichs, auf seiner Liege und schläft unter dem von Raureif überzogenem Sleepingcover. Bei minus drei Grad wohlgemerkt..
Was wenn der Winter kommt, der Frost das Land durchzieht? Noch will ich es nicht wahrhaben, dass meine Gewässer in wenigen Wochen eine dicke Eisdecke überziehen wird. Dann beginnt wieder die Zeit der Sehnsucht, des Schmiedens großer Pläne, der Ungewissheit, was das kommende Jahr wohl bringen wird. Doch noch ist es nicht so weit, noch gebe ich nicht auf. Sollen die Waxxler doch zuhause hinter den Öfen sitzen, in ihren Pantoffeln, und sich im Unterhemd die letzte Folge der Barbara Karlich-Show ansehen.

Die letzten Wochen waren voller Entbehrungen. Nur ein kleiner Spiegler interessierte sich für meine Köder, ansonsten blieben die Bissanzeiger stumm. Einige Glory Hole-Kurzsessions direkt nach der Arbeit brachten mich fast zur Verzweiflung. Die Fische zeigten sich aktiv und sprangen in direkter Nähe meiner Rigs, doch egal was ich auch tat, ich konnte keinen einzigen von ihnen zum Anbiss verleiten. Doch nicht nur mir ging es so. Überall das gleiche Bild: Lange Nächte, keine Fänge.
Bei meiner letzten Kurzsession war ich mir sogar schon vor dem Aufbau der Ruten sicher, dass da der nächste Blank auf mich warten würde, doch ich wusste: Wenn ich heuer noch fangen wollte, musste ich einfach am Ball bleiben, auch wenn die Lage noch so aussichtslos erschien. Nach dem dritten Tee machte ich mich auf dem Weg ins Auto, um mir etwas Lesestoff zu holen. Irgendwo unter dem Beifahrersitz fand ich noch eine Ausgabe des Carp World, die ich während der folgenden Stunden sorgsam studierte. Darin: Ein Doppelfeature von Frank Warwick und Jon Banister zum Thema Wurmangeln auf Karpfen. Hm, die beiden klangen recht überzeugend, und ich hatte eine 30-stündige Novembersession am kommenden Wochenende in Planung. Soll ich oder soll ich nicht? Vollkommen egal, ich hatte nichts mehr zu verlieren. Auf die üblichen Taktiken lief seit Monaten nichts, schlechter konnte es also kaum noch werden.
Gestern klingelte schließlich mein Telefon um sechs Uhr morgens, und das auch noch an einem Samstag. Es war Markus L., der mich von den vielen Vorteilen überzeugen wollte, die es bringen würde, jetzt aufzustehen. Kurz nach acht waren wir am Teich. In meinem Köderbag: Drei Packungen frische Tauwürmer und eine Dose Maden. Das konnte ja heiter werden.
Wir bezogen einen tieferen Bereich des Gewässers. Während Markus L. seine Köderfische für die Räuberjagd präparierte, zerschnippelte ich Tauwürmer, um eine Variation von Frank Warwick's Kebap-Rig zu basteln. Dazu fädelte ich einfach so viele, etwa 2 cm lange Tauwurmstückchen auf ein langes Haar, bis dieses komplett voll war. Im Gegensatz zu den beiden Altmeistern Banister und Warwick garnierte ich das ganze unappetitliche Ding noch mit einem halben Pop-Up, der ausreichte, um den Kebapspieß am Grund aufzurichten. Die Maden hingegen befestigte ich an einem gewöhnlichen Blowbackrig mit Maggotclip. Aus meiner Feeder-Erfahrung weiß ich, dass Karpfen extrem auf Maden abfahren, wenn nicht wieder einmal die Weißfische schneller sind.

Auf Beifutter verzichtete ich komplett und ließ stattdessen den Stickmix meines Vertrauens für mich arbeiten. Sah schon irgendwie vertrauenserweckend aus, das Ganze.

Als die Montagen dann noch mit einem satten "Donk" draußen in etwa sechs Metern Wassertiefe landeten, war ich zufrieden und bereitete mir erst mal einen Tee zu.

Die Sonne hatte es noch nicht einmal geschafft, die trübe Suppe am Himmel zu durchbrechen, als sich die locker durchhängende Schnur der Wurmrute spannte und mein Hanger langsam nach oben zum Rutenblank wanderte. Unglaublich! Nach kurzem Drill landete ein wunderschöner Herbstspiegler auf der Matte, den ich in den ersten Sonnenstrahlen des Tages für die Kamera präsentieren konnte. Der Haken saß bombenfest in der Unterlippe. Mein erster Wurmkarpfen überhaupt, sofern ich mich richtig erinnere.

Wenig später - Markus L. absolvierte gerade seine Spinnrunde - brannte die Bremse der Madenrute fast durch. Ich hatte einen Fisch gehakt und drillte ihn vorsichtig Richtung Ufer. Der Karpfen streifte ein Krautfeld, worauf der Kontakt plötzlich abbrach. Ausgestiegen, verdammt! Doch die Enttäuschung hielt nicht lange an, dennnoch untertags landete ich einen wunderbaren Herbstspiegler auf der Wurmrute. Was war da los? Noch eben hatte ich wochenlang geblankt, jetzt drillte ich schon beinahe im Stundentakt. Egal, ich wollte die Situation nun einfach genießen.

Gegen Abend stand ein Partnerwechsel am Plan. Nachdem Markus L. einen kleinen Hecht auf Köderfisch fangen konnte und die Heimreise antrat, tauchte wie aus dem Nichts der Phantomwaxxler auf. Es hatte Wind von den Ereignissen des Tages gekriegt und hielt es daheim einfach nicht mehr aus. Gut so, die Stunden der Dunkelheit sind im Spätherbst lang, gegen etwas Gesellschaft hatte ich nichts einzuwenden.

Es war schon lange finster, und wir saßen bei mir im Zelt, Tee am Kocher, als ich plötzlich das Geräusch einer Rollenbremse vernah. Verdammt, ich musste wohl vergessen haben, die Schnur in das Laufrad des Bissanzeigers einzuhängen. Doch der Fisch hing und fand auch den Weg in den Kescher. Es war ein schlanker Schuppi, der größte der Session. Aus seinem Maul hing noch das halb zerrissene Madenbündel.

Später folgte noch ein kleiner Schuppi, woraufhin die Action zum Erliegen kam. Bei mir zumindest.

Nun liege ich seit Mitternacht ohne weitere Aktivitäten im Schlafsack und habe während der letzten Stunden im Halbschlaf mitbekommen, wie Bruno einen kleinen Karpfen landete und zwei weitere verlor. Langsam dämmert der Morgen, doch ich drehe mich noch einmal um und schlafe weiter.Es ist schon nach acht, als ich aufstehe. Bruno ist schon wach und treibt draußen sein Unwesen. Ich kontrolliere die Rigs, die Köder sind unangetastet.

Kurz darauf fängt Bruno zwei weitere Karpfen, beides kleine Spiegler mit einem wunderschönen Schuppenbild.


Der Großteil der Ausrüstung ist schon im Auto verstaut, und ich bin im Begriff, die Ruten einzuholen, als sich ein weiterer Fisch für den Wurmkebap interessiert. Der Karpfen gibt im Drill ordentlich Gas, und ich bin einigermaßen verdutzt, als ich unter Unmengen von Keschernetz einen Spiegler in Satzkarpfenformat vorfinde. Allerdings besticht der Fisch durch seine maßlose Schönheit. Die Schwanzpartie leuchtet in einem satten Orange und ist von unzähligen Perlschuppen besetzt.

Ein wunderschönes Tier und ein würdiges Abschluss für eine wurmige Session. Merke: Niemals den guten, alten Wurm unterschätzen!







