30 Minuten später ging rund um mich herum die Welt unter. Horizontaler Regen, Sturmböjen, ohrenbetäubender Donner. Ich saß auf meiner zusammengeklappten Liege und hielt mit beiden Händen meinen Schirm fest. Blitze zuckten am Himmel, und zweimal war ich der festen Überzeugung, der nächst Blitze würde im Baum neben mir einschlagen und mein junges Leben auslöschen. Und es hörte einfach nicht auf. Der Wind drückte meinen Schirm nach allen Seiten, ich hatte Mühe, ihn am Abheben zu hindern. Die Hanger an meinen Ruten flogen wild auf und ab. Die kleine Quelle, die den Teich speist, war zum Sturzbach geworden, der Schlammmassen ins Gewässer spülte und sämtliche Krautfelder einfach fortriss. Noch nie hatte ich so etwas in den letzten 16 Jahren erlebt.
Als der Sturm nach einer guten halben Stunde abgeflaut war, versuchte ich, Ordnung in meine Ausrüstung zu bringen. Alles, auch wirklich alles war nass. Eine Familie, die gegenüber wohnt, hatte mitbekommen, dass ich immer noch da saß und war so freundlich, mir trockene Klamotten zu bringen, die ich dankbar annahm. Das Wasser sah aus wie eine Schlammwüste. Überall trieben ausgerissene Krautfetzen herum. Leichte Wassertrübung soll ja die Fresslust der Fische anregen, aber doch nicht so extrem!?

Naja, es kam, wie es kommen musste. Kein Biss die ganze Nacht, dafür schlief ich wie ein Baby, und zwar sogar eineinhalb Stunden länger als geplant. Erst als die ersten Fußgänger mit ihren Hunden vorbei kamen und ihre Guten Morgen-Grüße in meine Richtung losließen, dachte ich langsam ans Aufstehen.
Zuhause war es an der Zeit, mein ganzes Tackle im Garten zum Trocknen auszubreiten. Liege, Schlafsack, Kleidung, Rutentasche, Rucksäcke nahmen den ganzen Rasen ein. Sehr zur Freude meiner Nachbarn und Eltern. Zum Glück stiegen die Temperaturen auf 29 Grad und mein Tackle war im Nullkommanichts trocken, so dass ich schon bald wieder am Start war.
Diesmal ging's in den Wald, wo ich per Unterhandwurf Distanzen zwischen 3 und 6 Meter vom Ufer befischte und befütterte. Mein Futter, bestehend aus fischigem Groundbait, Pellets, Ölsardinen, Dosenmais und Boilies sollte zumindest für ein wenig Aufmerksamkeit unter Wasser sorgen. Die Ruten legte ich auf Banksticks in kleine Lücken in der Ufervegetation ab und sorgte dafür, dass die Schnur locker am Grund verlief.

Ich verhielt mich extrem ruhig, um fressende Fische nicht durch Trampeln und daher rührende Erschütterungen zu verscheuchen. Ich verzichtete so gut es ging auf künstliche Lichtquellen und sonstige auffällige Verhaltensweisen. Für mich eine extrem interessante Fischerei. Ab und zu hockte ich mich neben meine Ruten und beobachtete angestrengt meine Futterplätze, um Fischaktivitäten zu registrieren, doch es tat sich leider nicht viel.
Erst nach Einbruch der Dunkelheit zeigte mein ATTS einen Biss an. Hanger rauf, Hanger runter, Hanger rauf - klarer Fall: Brachse. Doch als ich die Rute aufnahm und der Fisch erstmal einige Meter Schnur von der Rolle zog, freute ich mich schon auf meinen ersten Karpfen von diesem Spot. Der Drill zog sich ein wenig, da ich gleichzeitig versuchte, den Kescher, der hinter mir in einem Strauch festhing, mit dem richtigen Ende voraus ins Wasser zu schieben. Der Fisch kam estmals an die Oberfläche und ich erkannte schon im Schein der Kopflampe, dass es kein Karpfen war. Wieder mal hatte ein gieriger Wels meinen Futterplatz abgeräumt und dabei den Snowman mitgenommen. Der Fisch war wohlgenährt und durfte nach einem Foto gleich wieder schwimmen.

Mein guter Schlaf wurde von einem weiteren Biss unterbrochen, der von einer Brachse im Klodeckelformat verursacht wurde. Schnell im Wasser abgehakt und zurück damit. Es folgte ein seltsamer Biss auf der linken Rute. Der Fisch zog den Hang nach oben und brachte die fein eingestellte Bremse zum Ticken, doch gelandet wurde von mir nur ein kleiner Ast. Ich legte mich wieder hin und schlief tief und fest. Die Kühle des Waldes und die Ruhe um mich herum ließen mich erst um 10 Uhr vormittags die Augen öffnen. Schnell noch ein bisschen füttern und dann ab nach Hause!
Für den Abend war wieder einmal "leichtes Gewitter" angesagt. Blöderweise bemerkte ich auf der Autobahn, dass ich mein Shelter vergessen hatte, also nahm ich die nächste Ausfahrt und tuckerte zurück in meine Tacklegarage in Wolfsberg. Nach relaxter Fahrt kam ich am Gewässer an und bemerkte mit Freude, dass ich der einzige Angler war. Also nahm ich die Gelegenheit wahr und setzte mich in die Big Fish Area in einen Swim namens "10er Platz". Den Namen hatte die Stelle vom Phantomwaxxler erhalten, weil hier fast nur Fische über 10 Kilo gelandet werden. Und nach den Strapazen der letzten Tage hatte ich mir wieder mal einen dicken Fisch verdient, oder?
Ein Kollege besuchte mich am Platz und das Gespräch drehte sich schnell um die Charakterfische des Sees: Nemo, mit nur einer Bauchflosse; Dirty Diana, die ungeschlagene Beauty Queen, von der niemand wusste, ob sie überhaupt noch lebte; der 18er, von dem ebenfalls keiner weiß, ob er noch lebt; die "Stummelflosse", die erst in den letzten Wochen von sich reden machte; der letzte der beiden Fully Scales, und so weiter.
Ich benutzte ausschließlich 25er Fischkugeln als Köder und Futter. Es war einer dieser magischen Glory Hole-Abende, an denen man einfach weiß, dass ein großer Fische beißen wird. Und irgendwie wusste ich auch ganz genau, dass ich einen der alten Originale ans Band bekommen würde. Als ich so auf meiner Liege saß und aufs Wasser hinaus sah, wurde mir bewusst, wie sehr ich das alles liebte: Die ruhige Atmosphäre; die Anspannung in der Luft; der Kaffee/Teebecher, der nie ausgewaschen wird und der Anblick meiner beiden Ruten, die Richtung der auslegten Köder wiesen.
Als sich lange Zeit nichts getan hatte, war ich fast ein bisschen enttäuscht und vertrieb mir die Zeit mit lesen und Rigs binden. Es begann leicht zu regnen, aber das befürchtete Unwetter blieb aus. Gegen Mitternacht erhielt ich einen Biss. Der Hanger fuhr hoch bis an den Rutenblank und verweilte dort, bis ich Kontakt aufnahm. Der gehakte Fisch zog in einem Halbkreis auf mein eigenes Ufer zu, ohne dass ich viel Druck ausüben konnte, doch dann ließ er sich bereitwillig bis unter die Rutenspitze dirigieren, wo er schließlich sein volles Gewicht einsetzte und mir einen brutalen Nahkampf lieferte. "Moment", dachte ich angesichts dieses speziellen Drillverhaltens. "Das kenne ich doch schon." Als im Lichtkegel der Kopflampe dann noch der Körper eines massiven Schuppenkarpfens auftauchte und ich beim Abtauchen seine Schwanzflosse zu sehen bekam, wusste ich, mit wem ich es zu tun hatte.
Es war Stummelflosse, die da hart kämpfte. Diesen Fisch umgibt eine seltsame Geschichte. Wie aus dem Nichts war sie aufgetaucht, als ich sie Anfang August ein paar Plätze stromauf fangen konnte. Niemandem wr dieser Fisch bekannt gewesen. Ich konnte fragen wen ich wollte, kein einziger der mir bekannten Angler wusste mit dem Foto dieses Karpfens etwas anzufangen. Allerdings hatte Stummelflosse seither richtig Appetit auf Boilies bekommen, denn sie wurde danach mehrmals gefangen. Erst vor wenigen Wochen wurde sie aus den Fängen eines rücksichtslosen Fleischfischers gerettet. Ihr Glück war, dass der Herr, der schon einige Male negativ aufgefallen war, von ein paar engagierten Jungs aus der Nachbarschaft beobachtet wrude. Für ihn hatte die Aktion den Entzug der Jahreskarte durch Aufseher und Polizei zur Folge, der Fisch hatte überlebt. Woher er kam und wieso er bisher nie gefangen wurde, konnte sich aber niemand erklären, ebenso wenig, woher die verstümmelte Schwanzflosse rührte.

Ich war beruhigt, dass der Schuppi bei voller Kraft und in einem guten Zustand war. Auch an Gewicht (17,5 Kilo) hatte sie nicht verloren. Nur ein paar "Pletzen" am Kopf zeugten von der unfachmännischen Behandlung durch den "Kollegen" und stammen vermutlich vom Schlagen auf dem Schotterboden. Ich setzte Stummelflosse nach ein paar Fotos zurück und riet ihr, in Zukunft vorsichtiger zu sein.
Es war erst kurz nach Mitternacht, und ich war mir sicher, dass das nicht alles gewesen war. Um vier Uhr morgens weckte mich die Funkbox mit einem stetigen Run. Ich nahm die Rute auf, die sich sogleich ordentlich bog. Der Karpfen legte eine kraftvolle Flucht hin, ermattete danach aber sofort und ließ sich ohne Probleme über den Kescher ziehen. Auch dieses Drillverhalten kannte ich, und ein kurzer Blick genügte, um zu erkennen, dass ich eine alte Bekannte gefangen hatte. Es war die "Beauty Queen" Dirty Diana in all ihrer Hässlichkeit, aber fast einen Kilo schwerer.


In ihrem Maul entdeckte ich keine Hakenspuren, was mich darauf schließen ließ, dass sie schon lange nicht mehr gefangen worden war. Das war nicht immer so. Dieser Fisch mit den unschönen roten Flecken und Punkten erwies sich in der letzten Saison als sehr "dankbar" und konnte das Maul einfach nicht voll genug kriegen. Selbst blutigste Anfänger, die das ganze Wochenende nichts fingen, konnten sie in letzter Minute noch auf die Matte legen.

Erst vorhin hatte ich noch mit meinem Kollegen darüber diskutiert, ob sie überhaupt noch am Leben war, doch anscheinend ist sie sogar den Fleischfischern zu hässlich zum Abschlagen. Egal. Obwohl ich lieber zwei Exemplare gefangen hätte, die noch nicht auf meiner Liste standen, war ich doch erfreut, diese beiden Charakterfische bei guter Gesundheit zu fangen. Auf dass sie noch lange leben!









