Bei dieser Session begleitete mich erstmals meine Freundin Andrea. Gemeinsam bepackten wir das Schlauchboot und setzten zum gewünschten Platz über, doch schon kurz darauf geschah das Malheur: Wir waren beide schon aus dem Boot ausgestiegen, als sich eine der beiden Liegen mitsamt Schlafsack und Überdecke selbstständig machte und aus dem zugegebenermaßen nicht sonderlich intelligent eingeräumten Boot kippte. In einem spektakulären Manöver schaffte ich es, das ganze Ding am Sinken zu hindern. Alles war nass, doch wir hatten Glück im Unglück und die warmen, fast schon frühsommerlichen Temperaturen kombiniert mit strahlendem Sonnenschein trockneten die zum Übernachten essentiellen Utensilien bis zum Abend wieder komplett.

Bei der Spotwahl ließ ich mich ebenfalls auf keine Experimente ein und befischte wieder den weit über das Wasser ragenden Baum am anderen Ufer. Der Platz war im Vergleich zur vorigen Session noch attraktiver geworden, denn einiges von dem frei herumtreibenden Kraut hatte sich in den Ästen verfangen und bildete ein schützendes Dach. Hier roch es förmlich nach Karpfen. Ich befestige eine H-Boje mit Reflektorbändern in den Ästen, um zusätzliche Schnüre im Wasser zu vermeiden und meinen Spot auch nachts wieder zuverlässig finden zu können. Mit dem Kescherstab tastete ich den Grund ab, um mehr über seine Beschaffenheit herauszufinden. An dieser Stelle war der Boden nicht sonderlich hart, aber auch nicht allzu schlammig, perfekt also.

Die Montage, ein Blowback Rig mit einem etwas aus der Form geschnittenen 24er Boilie, platzierte ich peinlichst genau unter der Boje so nahe wie möglich am Baum und gab besonders darauf acht, dass alles sauber am Grund ankam. Da die Äste des Baumes sich nur oberhalb der Oberfläche befinden, besteht hier im Drill keine Gefahr, den Fisch zu verlieren.

Gefüttert wurde abermals sehr punktuell auf einer Fläche von wenigen Quadratmetern. Ich verteilte ausschließlich ganze und zerbissene Dumbells rund um meine Montage und auch zwischen den Ästen, wo die Fische völlig ungestört fressen konnten.

Andrea war beim Auslegen nicht nur mit der Kamera dabei, sondern half auch, beim Zurückrudern ein 100%ig reibungsloses Ablaufen der Schnur von der Rolle zu gewährleisten, um das aufwendig platzierte Rig ja nicht wieder zu verziehen.
Nun war die zweite Rute dran. Ich vertraute wieder einem Fluo Pop-Up am Hinged Stiff Rig, den ich am eigenen Ufer ganz vorsichtig in einer winzigen Krautlücke positionierte.

Als wir mit dieser Rute wieder am Ufer ankamen, trauten wir unseren Augen kaum! Der Hanger der eben auslegten ersten Rute klebte oben am Rutenblank. Sollte hier schon etwas hängen? Vielleicht eine Brachse? Die plötzlich los surrende Bremse - die Bissanzeiger waren noch nicht einmal eingeschaltet - machte weitere Erklärungen überflüssig. Ich nahm die Rute auf und zog mich zum Fisch, denn an einen Uferdrill war wegen des massiven Krautaufkommens nicht zu denken.

Ja, es war eindeutig ein Karpfen, der hier am anderen Ende der Schnur tobte! Mitten am Tag bei prallem Sonnenschein - völlig untypisch für dieses Gewässer. Das Kraut an der Oberfläche machte mir zu schaffen. In großen Patzen hing es auf der Schnur und rutschte im besten Fall immer weiter nach unten, bis es oberhalb der Endmontage ein mehrere Kilo schweres Knäuel bildete. Im schlechtesten Fall blieb dieses Knäuel am Schlagschnurknoten hängen und blockiert die Schnuraufnahme beim Spitzenring, was kurzfristig den Kontakt zum Fisch abbrechen lässt.


Jeder Drill ist hier eine absolute Zitterpartie, doch schließlich schaffte ich es auch diesmal, den Fisch in das Netz zu bugsieren.

Schnell schossen wir einige Testfotos, bevor wir den Karpfen auf die Matte baten.
Es war ein schlanker, goldiger Schuppenkarpfen von fast 8 Kilo, der im Sonnenlicht glänzte und ein gutes Fotomodell abgab.


Schon nach so kurzer Zeit der erste Karpfen. War es ein schlechtes oder gutes Zeichen? Egal, ich war entschneidert und Andrea konnte ihren ersten Karpfen in Natura bestaunen. Mit meiner Location lag ich goldrichtig, darum brachte ich die Rute schnell wieder aus und legte etwas Beifutter nach.

Bis am Abend passierte nichts mehr. Nur Kollege Bruno, der gerade von der Fish In-Messe zurück gekehrt war, traf am Gewässer ein und bezog einen Platz direkt neben uns. Gegen etwas Gesellschaft hatten wir natürlich nichts einzuwenden.
Ich war gerade dabei, meine Pfanne nach einer deftigen Bohnenmahlzeit auszuwaschen, bis die Baumrute wieder in Bewegung versetzt wurde. Diesmal sprang Bruno mit ins Boot, was den Vorgang des Krautlösens von der Schnur erheblich erleichterte. Neben 15 Kilo Vegetation landete schließlich ein kleinerer Spiegler in den Keschermaschen.

Wir hatten uns gerade erst in die Schlafsäcke begeben, um die sternenklare, aber warme Nacht im Freien zu genießen, als mein Receiver einen Fullrun meldete. Wieder war es die Rute am Baum. Der Fisch nahm gehörig Schnur von der nicht gerade locker eingestellten Bremse. Als wir über ihm waren, gab er erst richtig Gas und zog uns kreuz und quer über den See. Es war unser Glück, dass er ins Freiwasser und somit von den Hindernissen weg schwamm. Als er das erste Mal im Schein der Kopflampe nach oben kam, wusste ich, dass es ein anständiger Brocken war und konzentrierte mich umso mehr darauf, den Karpfen nicht zu verlieren. Wir hatten Glück und der erste Kescherversuch gelang. Großartig! Es war ein massiver, dicker Spiegelkarpfen von 11,5 Kilo Gewicht, der mir ein Lächeln auf die Lippen zauberte!


Ich spielte mit dem Gedanken, die Rute an Land zu lassen, um wenigstens etwas Schlaf zu bekommen, doch wenn man schon einmal so eine Nacht erwischt, muss man das auch ausnutzen, und so platzierte ich den Köder wieder am Baum. Der große Spiegler sollte nicht der letzte Fisch der Nacht bleiben, denn um etwa vier Uhr morgens saß ich wieder mit krummer Rute im Boot! Es war unglaublich! Vier Fische in einer Nacht! Aufmerksame Leser meines Blogs werden sich noch erinnern, dass ich gerade erst Mitte März fünf Nächte an diesem Gewässer verbracht habe, mit dem selben Ergebnis!
Wie dem auch sei, der letzte Fisch der Nacht war ein wunderschöner, makelloser Spiegelkarpfen von über 9 Kilogramm. Der nadelscharfe Haken hing fest im Maulwinkel!

Schon bald brannte die Sonne wieder vom Himmel und trocknete unsere vom Morgentau leicht angefeuchteten Schlafsäcke. Schlaf bekam ich in dieser Nacht nur wenig, doch wen interessiert das schon, wenn man weiß, dass man gerade die Nacht der Nächte erlebt hat?


Beim Zusammenpacken bekamen wir Besuch von zwei jungen Burschen, die meinen ursprünglich anvisierten Platz befischt hatten. Auf die Frage, ob bei uns etwas gebissen hätte, antwortete ich so etwas Vages wie "Nicht viel" oder so, worauf prompt die Erklärung der beiden folgte, dass in diesem Gewässerbereich das Wasser noch zu kalt sei und hier erst im Sommer mit guten Fängen gerechnet werden kann. "Aha, deshalb also...", entgegnete ich, während ich die triefende Abhakmatte ins Boot wuchtete.




Immer wieder ein Genuss das zu lesen.



