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Ein Hauch von Freiheit

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Ein Hauch von Freiheit

Beitragvon Polsi » 23.06.2011, 18:59

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Es war ein extrem heißer Nachmittag im Juni. Trotz der zugezogenen Jalousien blendete mich das Sonnenlicht, so dass ich nur mit zusammengekniffenen Augen den Cursor den Worten auf dem Bildschirm folgen konnte. Im Büro war es warm und stickig, das Hemd klebte an meiner Brust, die Hose klebte an meinen Beinen. Alles klebte. Ich war hundemüde, doch ich brachte den Job. „Pfingstturnier der Seniorenrunde Kamp…“ Eine Standardformulierung hier, ein eleganter Schlenker da. „Der Obmann Ernst Vallant begrüßte zahlreiche Ehrengäste, darunter…“

Seit Stunden ging das schon dahin, der Dienstschluss kam nur quälend langsam näher. Ich hielt kurz inne und stellte mir vor, wie es wäre, abends an einem ruhigen Ufer zu sitzen, mit einem kühlen Bier, einem saftigen Kotelette und ausgelegten Ruten. Doch ich wusste, heute würde es wohl nichts werden. Nach der Arbeit ist vor der Arbeit, denn am nächsten Tag musste ich auf der Uni einen Vortrag halten: „Das phänomenologische Subjekt des Aussagens“ von Julia Kristeva, Psychoanalytikerin, Sprachwissenschaftlerin, Romanautorin.

Trotz der vielen Arbeit verging die Zeit nur langsam, doch in mir reifte eine Idee heran. Was, wenn ich mich einfach am Wasser auf den Vortrag vorbereite? Dort hat man ja ohnehin mehr Ruhe als in den eigenen vier Wänden. Eigentlich musste ich nur noch die Handouts ausdrucken, dem Referat selbst den letzten Schliff geben und mir das Ding ein paar Mal durchlesen, um nicht aus dem Rhythmus zu kommen.

2

Der Schotter knirschte unter den Rädern meines Trolleys. Das Thermometer zeigte mittlerweile über 30 Grad an. Keine Menschenseele war in Sicht. Wo vor zwei Tagen noch eine stinkende Schlammwüste herrschte, erstreckte sich jetzt wieder ein gigantisches Gewässer – wahrscheinlich das schönste Österreichs.

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Im Wasser tobte das Leben. Ich war einigermaßen überrascht, als ich bereits große Laubenschwärme an der Oberfläche ausmachen konnte. Die kleinen, silbernen Fische stoben jedes Mal panisch in alle Richtungen, wenn erbarmungslos raubende Rapfen in die Schwärme stießen. Als ich meine zwei Bierdosen zum Abkühlen ins Wasser legte, schreckte ich unabsichtlich einen kleinen Hecht aus seinem Versteck im Uferbewuchs auf. Würden auch die Karpfen schon wieder zurück im Rückstau sein? Ich wusste es nicht, doch meine Köder und zwei Kilo Boilies warteten schon auf ihre Abnehmer. Eigentlich wäre es logischer gewesen, am Anfang des etwa zwei Kilometer langen Rückstaus zu angeln, um hereinziehende Fische abfangen zu können, doch ich entschied mich trotzdem für einen meiner Lieblingsplätze am anderen Ende des Kanals.

Eine tote Ratte lag mitten auf meinem Angelplatz. Die Fliegen hatten sie schon entdeckt und kreisten über dem Kadaver. Fressen und gefressen werden. Ich entfernte die Ratte mit einem Stock.

Als es dunkel war, kam ein leichter, warmer Wind auf. Ich nahm meine Wiegeschlinge als Unterlage und setzte mich ganz nah ans Ufer. Ich war allein im Revier. Kein Piepsen der Bissanzeiger und keine Stimmen. Ab und zu sprang ein Fisch, doch obwohl ich einigermaßen fit im Deuten von Klatschgeräuschen bin, wagte ich diesmal keine Interpretation. Sollten es etwa doch Karpfen sein?

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So saß ich da, und plötzlich wusste ich, warum ich hier war. Es war seltsam. Immer wieder fragen mich Menschen – Angler und Nichtangler – warum ich ständig am Wasser bin. Meine Standardantworten kennt jeder: Naturerlebnis, Fische überlisten, Strategiespiel und so weiter. Doch jetzt war es mir klar: Es ist die Möglichkeit, ich selbst zu sein, die mich hier gefangen hält. Ein Hauch von Freiheit.

Dass im Prinzip jeder Mensch fast immer auf sich allein gestellt ist, war mir ohnehin längst klar. So viele Leute, die man tagtäglich grüßt, mit ihnen spricht, mit ihnen arbeitet. Doch an wie viele davon denkt man auch in fünf, sechs oder sieben Jahren noch?

Es war Erving Goffman, der gesagt hat, dass jeder Mensch eigentlich nur ein Darsteller auf einer Bühne ist, der standardisierte Rollenentwürfe übernimmt und sich so eine Fassade aufbaut. Diese Maske kann man einfach abstreifen, um danach in die nächste Rolle zu schlüpfen. Später hat er das relativiert und gesagt, dass man von jeder dieser Rollen auch immer etwas in die nächste Rolle mitnimmt, doch das Prinzip bleibt dasselbe. Ich selbst war ich immer nur am Wasser. Nicht der verbissene Medienangestellte, nicht der pseudointellektuelle Student und auch nicht der erfolgsfixierte Karpfenfanatiker. Am Ufer muss man nicht hart sein, braucht keine Ausreden, muss nichts erklären und wenn man will auch nichts hinterfragen. Nur ich, die zwei Ruten, der zischende Gaskocher, zwei Koteletts in der Pfanne und die Dunkelheit um mich herum. Ich las mir nochmal meinen Vortrag durch. Die Nacht war schwül und drückend und ich konnte erst in den frühen Morgenstunden einschlafen. Die Bissanzeiger schwiegen.

3

Am Morgen weckte mich das Klingeln meines Handys. Es war Bruno, der wissen wollte, wie es gelaufen war, doch ich konnte mit keiner Erfolgsmeldung aufwarten. Es war erst acht Uhr morgens, doch die Sonne brannte schon vom Himmel. Praktisch, so konnte ich mein Shelter noch von der Feuchtigkeit der Nacht trocknen. Ich verteilte noch meine restlichen Boilies in der Umgebung, denn ich hatte vor, bald wieder zu kommen. Da konnte es nicht schaden, wenn die Karpfen, die ja hoffentlich bald durchziehen würden, schon auf ein paar Leckerbissen trafen. Nicht einmal eine Stunde brauchte ich, um zusammen zu packen, einen Morgenkaffee zu trinken, zurück zum Auto zu gehen und mich umzuziehen. Jeans, halbwegs saubere Schuhe und Hemd lagen schon am Beifahrersitz bereit. Deo fand ich irgendwo im Kofferraum. Der Alltag hatte mich wieder.
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Re: Ein Hauch von Freiheit

Beitragvon Pedro » 24.06.2011, 08:53

Gut formuliert, auch wenn kein Karpfen dabei ist. Es gibt tatsächlich KEINE Tätigkeit, bei der man so vollkommen im Tun aufgeht wie beim Fischen. Wenn ich fische, gibts daneben nichts anderes, was Bedeutung hat. Maximal auf der Heimfahrt im Auto kommen langsam wieder die Gedanken an den nächsten Arbeitstag und sonstige Dinge, die das Leben erfordert.
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Re: Ein Hauch von Freiheit

Beitragvon Sixpack » 24.06.2011, 09:02

Das Foto vom Kottelete fehlt! :wink:
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Re: Ein Hauch von Freiheit

Beitragvon D.D. » 24.06.2011, 10:08

Sixpack hat geschrieben:Das Foto vom Kottelete fehlt! :wink:

Ich vermisse eher die französischen Impressionen mit Baguette und Weichkäse
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Re: Ein Hauch von Freiheit

Beitragvon Anonymer Thomas » 25.06.2011, 01:17

schön geschrieben
Er hat sich gestreubt und gewehrt, aber schliesslich hatte ich ihn doch am Haken. Das war vielleicht ein Teufelswurm! Ich hätte schwören können dass ich damit was fange --- Hal aus Malcolm mittendrin ---
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