
Die Krauthölle ließ mir keine Ruhe. Warum war es plötzlich so schwer, hier einen Karpfen zu fangen? Wo waren meine Skills geblieben? Ich hielt es zuhause nicht mehr aus und wollte es genau wissen. Kurze Zeit später war ich wieder am Wasser. Dass an einem meiner anvisierten Plätze eine Art Karpfen-Hip Hop-Gang mit Goldketten, vier Hunden und schlechtem, deutschen Kommerzrap aus dem Autoradio ihr Unwesen trieb, hatte ich schnell verdrängt und ruderte mein Boot an eine andere, meiner Meinung nach perfekte Stelle.
Die Location war schnell erledigt, die Rigs ausgelegt, das Warten begann, doch erstmal regte sich nix. Zumindest im Wasser. Draußen tobte das Leben. Biber randalierten im Maisacker, Eichhörnchen auf den Bäumen.


Nach Mitternacht nahm das Unheil seinen Lauf. Nebel war aufgezogen und tauchte das Gewässer in eine unheimliche Atmosphäre.

Ein Pieper ließ mich hochfahren. Dann noch einer und noch einer. Langsam wanderte der Hanger nach oben an den Rutenblank, bis die Bremse ganz langsam Schnur freigab. Seltsamer Biss, dachte ich, der ich eigentlich nur Vollruns gewohnt bin (denn es gibt nur einen Run). Ich nahm die Rute auf und spürte starken Widerstand, aber auch nicht mehr, als man hier aufgrund des massiven Bewuchses ohnehin immer spürt. Also kniete ich mich in den Bug meines Jollys und zog mich Richtung Futterplatz.
Ganz klar: Hier stimmte etwas nicht. Auf halbem Wege trieb mir meine H-Boje entgegen. Die Schnur war einfach abgerissen. Was war da los? Am Futterplatz angekommen bemerkte ich, dass meine Schlagschnur nach rechts ums Eck lief und mehrer Krautfelder durchzog. Ob hier überhaupt noch ein Fisch dran war? Ich wusste es nicht, doch begann, mich durch den Dschungel zu ackern. Immer wieder kamen Büschel von 1,5 bis 2 Meter Durchmesser hoch und ich musste mit aller Gewalt daran zerren, um die Schnur zu befreien.
Irgendwann, als ich gerade dabei war, ein paar Büschel von der Leine zu zupfen, wurde diese mir fast aus der Hand gerissen. Oha, dachte ich, der hängt ja doch noch. Ich war dem Fisch nun schon sehr nahe, als dieser plötzlich Gas gab und sich nicht aufhalten ließ. Was immer es auch war, es verhielt sich gänzlich karpfen-untypisch. Der Fisch schwamm direkt am Grund entlang und grub sich immer wieder tief ins Kraut. Der Rutenblank ächzte, die gespannte Schnur sang in der Luft wie Sirenen, die vorbeifahrende Karpfenangler anlocken, um sie zu töten. Ab und zu ging dann gar nichts mehr, und es fühlte sich an, als ob ich einen Baum gehakt hätte.
Ich dankte Gott für die Erfindung der 0,65 mm dicken Mono-Schlagschnur, obwohl ich mir zu diesem Zeitpunkt noch sicher war, dass Gott mit dieser Sache hier nichts zu tun hatte. Doch plötzlich tauchte unter einem richtigen Hut aus ausgerissener Vegetation im fahlen Licht der Kopflampe ein langer, grauer Schwanz auf, gut einen Meter lang, der sich schlangenähnlich bewegte. Super, das war's! Ich wusste, ich hätte den Blutmehlanteil in meinen Boilies nicht erhöhen dürfen. Jetzt hatte ich das Spiel zu weit getrieben, und Gott hatte mir einen Dinosaurier geschickt. Mein Schlauchboot würden ein paar Karpfenproleten am Wochenende zerrissen und platt an irgendeinem Ufer finden. Oder war es doch Nessie, die ihren Sommerurlaub in Kärnten verbrachte? Und was zum Teufel war in dem Tee, den ich abends zu mir genommen hatte? Ich sah schon die Fotos vor mir:

Wäre bestimmt eine gute Werbung für meine Baitfirma gewesen. Ob ihr es glaubt oder nicht, ich schaffte es, das Ding in meinen Kescher zu bugsieren und zurück an Land zu fahren. Als ich auf der Matte die Keschermaschen zur Seite schob, staunte ich nicht schlecht: Ein kaulquappenähnliches, schleimiges Wesen, nur viel größer, mit hunderten winzigen Zähnen im mähdrescherartigen Maul, mit langen Fäden im Gesicht und einer überraschend dicken Wampe lag besiegt vor mir. Es unternahm keine Kommunikationsversuche. Der Bauchtest zeigte: Alles voller Kugeln. Den Platz würde ich wohl neu befüttern müssen. Das Maßband zeigte 125 cm, die Waage stolze 15 Kilo.
Ich beschloss, erst einmal Ordnung ins Chaos zu bringen und verwahrte das Monster währenddessen in einer zugezippten Wiegeschlinge im Uferwasser. Ich stieß mich gerade mit dem Boot vom Ufer ab, als plötzlich ein Schwall die Stille durchbrach. Das Geräusch kam aus der Richtung meiner Wiegeschlinge, die nun schlaff im Wasser hing, während das Ding aus dem Sumpf elegant unter meinem Boot hindurch zurück in die Tiefe schlängelte.
Mich hatte das Los aller Monster-Augenzeugen getroffen: Ich hatte kein Beweisfoto, niemand würde mir glauben. Ich würde in ein paar Jahren in einer Klapsmühle ein unehrenhaftes Ende finden. Noch immer weiß ich nicht, welches Geschöpf mir in dieser Nacht wohl begegnet ist, allerdings weiß ich jetzt, wo es wohnt!









