Nun ist aber verwunderlicherweise noch keiner dieser Wissenschaftler auf die Idee gekommen, den alten Pols-Master zu fragen, obwohl dieser - basierend auf jahrelanger, intensiver Feldforschung - wohl einiges dazu zu sagen hätte. Doch sollte es doch einmal so weit kommen und ein weißhaariger, zerzauster und zerstreuter Professor klopft eines Morgens an meine Zelttür, bin ich vorbereitet und kann ihm voller Stolz die Ergebnisse meiner Untersuchungen präsentieren. Die Bedürnispyramide nach Polsinger:
Irgendwie hatte es sich diesmal ergeben, dass die höhere Macht anscheinend einen guten Tag hatte und beschloss, mir ein vorzeitiges Geburtstagsgeschenk zu machen, also quasi alle oben aufgelisteten Faktoren zusammenspielen zu lassen. Und so schob ich bei bestem Angelwetter meinen Trolley dem Stauseeufer entlang. Nur diesmal mit zwei Liegen, zwei Schlafsäcken und der doppelten Ration Verpflegung. Neben mir bewegte sich graziös ein Exemplar einer seltenen Spezies: Weibchen menschlicher Abstammung, mit Interesse an Angeln und dem Drumherum. Was sollte ich erwarten? Ich hoffte nur, dass die üblichen "Mir ist kalt/Ich muss aufs Klo/Mir ist langweilig"-Klischees diesmal nicht erfüllt werden würden.
Bei der Ankunft war der einzige, von ein paar jungen Burschen okkupierte Platz natürlich meine Futterstelle. Nach kurzer strategischer Beratung entschlossen wir uns, auf einen Nebenplatz auszuweichen, aber sofort umzusiedeln, sollte "mein" Territorium von der fremden Besatzungsmacht verlassen werden. Ich ergriff die Gelegenheit und versuchte, dem Vorführeffekt ein Schnippchen zu schlagen, indem ich erst einmal einen kleinen weißen Pop-Up montierte, um wenigstens ein paar Brachsen zu fangen, sollten sich die Karpfen später nicht zeigen. Es funktionierte, und so konnte ich meiner Begleitung ein paar der weißen Schleimer präsentieren. Andere verwendete Demonstrationsobjekte: Eine kleine Würfelnatter, die beinahe einen Atemstillstand auslöste, und eine Armada von Flohkrebsen im Uferwasser.

Gegen Abend wurde mein Platz tatsächlich frei, und wir machten es uns gemütlich. Aufgrund meiner letzten erfolglosen Session - vermutlich verursacht durch einen Temperatursturz - war ich ein wenig aus der Bahn geraten. "Carpus Urbanus" Markus Suppanz riet mir, es mit ganz wenig Futter zu versuchen. Logisch, denn entweder waren meine Boilies von der letzten Fütterung vor zwei Tagen schon weg und die Fische in der Nähe auf der Suche nach weiterem Futter oder es lagen noch vereinzelt welche herum. Und so platzierte ich zwei 25er Murmeln an den Spots und ließ ihnen nur jeweils fünf Stück weitere folgen.
Der gemütliche Teil konnte beginnen. Meine Begleitung entpuppte sich nicht nur als kultivierte Gesprächspartnerin, sondern bewies auch ein gutes Händchen für Kulinarik und verfeinerte meine langweiligen Standard-Kotelettes und -Spieße mit selbstgemachtem griechisch angehauchten Salat und einer erfrischenden Tsatsiki-Variation. Selten habe ich am Wasser so gut gegessen. Ich musste unweigerlich an meine Anfangszeit mit acht Extrawurstsemmeln für zwei volle Tage denken.

Dann kam das erste und glücklicherweise auch einzige negative Erlebnis dieser Nacht. Vollrun auf der linken Rute, der Fisch kam sofort zur Oberfläche, stieg aber gleich wieder aus... Fuck you, Vorführeffekt! Doch die Nacht war noch jung, der Wein süß und der Wind warm, und es lag diese typische Anspannung in der Luft, die man spürt, bevor es richtig kracht.
Ich ließ mir gerade ein Angelspiel auf einem dieser neumodischen Eiphones erklären und brachte eine monströse Brachse von 19 lb ans Ufer, als der Hanger der rechten Rute nach oben schnellte, die Funkbox zu piepen begann und die Rolle langsam, aber stetig Schnur freigab. Also die echte Rute und die echte Rolle, nicht die am Eiphone. In Sekundenschnelle hatte ich die Rute in der Hand und spürte die Kraft der Fisches. Er zog bedächtig, aber unaufhaltsam seine Bahnen im Freiwasser und wollte sich in eine Bucht zu meiner Rechten retten, doch ich gewann Meter für Meter Schnur.
Ich wusste, hier kämpfte kein Babykarpfen. Ich durfte mir keinen Fehler erlauben. Nur nicht zu viel Druck! Das Schwimmverhalten voraussehen! Als sich die Keschermaschen um den Fischleib schlossen, fiel mir ein Stein vom Herzen. Als ich das Keschernetz zusammenrollte und den Fisch auf die nasse Abhakmatte hievte, wusste ich es bereits: Es war der größte Karpfen, den ich bisher an diesem verdammten Stausee gefangen hatte. 12,6 Kilo zeigte die Waage an. Für mich war ein Traum in Erfüllung gegangen.

Die Taktik hatte funktioniert, es war genauso gekommen, wie ich es mir gewünscht hatte. In dieser Nacht passte einfach alles zusammen. Bis zu welchem Grad Chuck Norris seine Finger im Spiel hatte, enzieht sich leider meiner Erkenntnis, aber das bietet Stoff für weitere Untersuchungen.

Liebe Leserinnen und Leser, ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber gebt mir eine laue Sommernacht, ein lauschiges Plätzchen am See, zwei Ruten, zwei Flaschen Rotwein und eine Begleitung mit Charisma, und ich verspreche, ich habe keine Wünsche mehr.







