
Dieser zeigte zeigte ein völlig anderes Bild als der karge Süden. Die Vegetation besteht aus grünen Laubwäldern, die in Kies- und Sandstrände übergehen. Wir fanden Tiefen bis zu 30 Meter und einen von Hindernissen übersähten Grund, dessen Gefahrenpotenzial wir zunächst unterschätzten. Der Angeldruck war um ein Vielfaches größer als im Südarm, doch auch im Wasser herrschte mehr Leben. Überall Kleinfische: Brachsen, Rotaugen, Katzenwelse, Schwarz-, Fluss- und Sonnenbarsche. Wir fuhren den "Point au hollandais" an, der uns genügend Platz zum Operieren bot. Ein wahnsinnig schönes Fleckchen Erde mit einer großen Wasserfläche und einer tiefen Bucht, aus der ein altes Schiffswrack ragte.

Ein Vergnügen, hier mit der Taucherbrille unterwegs zu sein. Doch erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Mit unseren Ruten wir Tiefen zwischen zehn und 20 Meter ab und hofften auf den einen oder anderen patroullierenden Karpfen, der Gefallen an unseren Ködern finden könnte. Bruno war wieder fleißig am Experimentieren und zauberte Rigvariationen, wie das Jedi-Rig oder das Saturn-Rig hervor. Es half alles nichts, denn die Nacht und der nächste Tag blieben ruhig. Beim Kontrollieren dann die Überraschung. An einer meiner Ruten hing eine tote Brachse. What the fuck?
In der darauf folgenden Nacht bekamen wir Besuch. Lautes Ästeknacken und schwere Schritte ließen uns hochfahren. Mit Kopflampen und Banksticks bewaffnet wagten wir uns in den Wald hinter unserem Camp (wobei ich anmerken möchte, dass wir ohne Zelte und ähnliche Unterstände unterwegs waren). Doch der Verursacher des Krawalls zeigte sich nicht so schnell und wir mussten uns anstrengen, ihn zu entdecken. Es war ein Wildschwein, das sich seelenruhig an einem Baum rieb und dabei einen Gestank verursachte, der sogar unseren eigenen übertraf. Die Sau zeigte keine Scheu und ließ sich einige Minuten lang beobachten, bevor sie wieder davon trottete. Bei ihrem zweiten Besuch in dieser Nacht war der Überraschungsmoment aber weg und wir blieben einfach liegen.
Plötzlich ein Run auf einer von Brunos Ruten. Der Fisch nahm rasant Schnur von der locker eingestellten Bremse, doch als der Waxxler Kontakt aufbauen wollte, war nichts mehr zu spüren. Ans Ufer kam schließlich ein Katzenwels, der am Hinterkopf gehakt war, doch er konnte doch niemals für diesen Run verantwortlich gewesen sein. Das Blei war höchstwahrscheinlich schwerer als der Fisch selbst. Mysteriös...

Mittlerweile war uns klar geworden, dass es nicht leicht werden würde, hier einen Karpfen zu überlisten. Ständig taten sich neue Fragen auf: Stimmt unsere Futtertaktik? Würden die Fische hier überhaupt vorbeikommen? Wäre es besser, zu moven? In welchem Arm hätten wir die besten Chancen? Wir beschlossen, noch eine weitere Nacht hier zu bleiben und zu sehen, was passiert. An diesem Morgen war Bruno schon um 7 Uhr wach und beobachtete das Wasser. Die ersten Karpfen zeigten sich draußen direkt über unseren Spots. Gerade war ein Fisch in der Nähe meiner 16-Meter-Rute gesprungen, als ich einen Biss erhielt. Schnell zur Rute und rein ins Boot. Bruno ruderte, was das Zeug hielt, während ich den Kontakt aufrecht erhielt. Bald waren wir gezwungen, stehen zu bleiben, denn meine Schlagschnur hing plötzlich am Grund fest. Ich zog und zerrte, doch der Hänger lößte sich nicht. Auch temporäres Lockerhalten der Schnur änderte nichts an der Situation. Ab und zu spürte ich noch das Schlagen des Fisches, der die Schnur gegen das Hindernis scheuerte. Sie musste unter einer Wurzel festhängen. Irgendwann ging gar nichts mehr. Der Fisch war weg, und der Haken hing im Holz so dass ich gezwungen war, die strapazierte Schlagschnur abzureißen. Ich war am Boden zerstört. Vier Tage und Nächte lang hatten wir uns abgemüht und jetzt das! Der erste Cassien-Karpfen verloren! Fuck!
Als Konsequenz montierte ich an drei meiner vier Ruten Subfloats, also Auftriebskörper, die vor dem Anti Tangle-System frei laufend angebracht werden und die Schnur zwischen Rute und Montage vom Grund fernhalten sollen. Ich hoffte inständig auf eine weitere Chance, einen Karpfen an diesem so geschichtsträchtigen Gewässer fangen zu können.

Das Fischen an großen Stauseen ist mir nicht unbekannt, doch der Cassien stellte uns vor eine ganz andere Herausforderung. Die Fische hier werden extrem stark beangelt, und das das ganze Jahr hindurch. Der Druck hatte wahrscheinlich dazu geführt, dass die Karpfen mit der Zeit extrem schnurscheu wurden, weshalb uns im Vorhinein jeder unserer Ansprechpartner davon abgeraten hatte, Bojen zu setzen, um unsere Spots zu markieren. Stattdessen benutzten wir ein GPS-Gerät, das wirklich genaues Ablegen zwar unmöglich macht, uns aber zuverlässig in die richtigen Bereiche lotste. In Kombination mit dem Echolot konnten wir so die vielversprechenden Punkte recht zuverlässig wiederfinden. Eine gänzlich andere Fischerei als bei uns in Kärnten.
Obwohl ich steinharte, große Boilies verwendete, waren die Köder nach 24 Stundne im Wasser teilweise nur noch halb so groß, Krebsen und Katzenwelsen sei Dank.

Am Vormittag stand wieder die übliche Prozedur am Plan: Ruten neu ausbringen, dezent nachfüttern. Mittlerweile waren wir schon so weit, dass wir sämtliche Wetter- und sonstige Faktoren genau in Hinblick auf einen möglichen Fangerfolg analysierten. Der Wind drückt den ganzen Tag an unser Ufer? Perfekt! Der Angler gegenüber hat das sein ganzes Areal mit Bojen vermint? Gut für uns!
Bruno erhielt am Nachmittag einen unspektakulären Fallbiss und hakte kurz darauf eine Brachse im Wasser ab, doch das war auch schon die ganze Action des Tages. Am Abend bauten wir mithilfe von Mais und Brettern eine Art Futterstelle für Wildschweine auf, um vielleicht eines der Tiere vor die Linse zu bekommen. Wenn wir schon kein Wasserschwein fotografieren konnten, dann vielleicht wenigstens ein Wildschwein, so die Überlegung. Nacht 5 brach herein und somit unsere letzte im Nordarm. Am kommenden Vormittag wollten wir moven, so viel stand fest.

Der Morgen kam und wir blieben ohne Biss und Wildschweinfotos. Wir verließen den Nordarm und schauten uns im Kreuz um. Leider mussten wir feststellen, dass der Angeldruck während der letzten Tage immens gestiegen war. Das Kreuz bot zwar noch einige freie Plätze, doch der Westarm war komplett voll. Unsere Wahl fiel daher wieder auf dne Südarm. Nach zwei Stunden Bootsfahrt waren wir am südlichsten Zipfel des Sees angelangt und besprachen unsere weitere Taktik. Die beiden Schilderplätze, zwei strategisch gute Punkte, waren besetzt, ebenso wie der "Pointe au silure". Schließlich fuhren wir den "Pointe à Corinne" an, wo wir uns die größten Chancen ausmachten.


Die Stelle selbst ist eine zerklüftete, steinige Halbinsel mit steilen, felsigen Ufern - sicher ein Vergnügen, hier bei einem Run zu den Ruten zu laufen. Blitze am Horizont kündigten ein Gewitter an und veranlassten uns, das Camp mithilfe einer Plane und zweier Schirme halbwegs regensicher zu machen. Ich hatte ein gutes Gefühl und war mir sicher, mit dem Wechsel in den Südarm das Richtige gemacht zu haben, doch die Bissanzeiger schwiegen weiterhin beharrlich. Angesichts der Tatsache, dass dies unsere vorletzte Nacht am Cassien sein würde, öffneten wir eine Flasche Rotwein, die eigentlich für die Feier nach dem ersten Karpfen gedacht war. Am anderen Ufer lief eine Technoparty, und nach der zweiten Flasche Wein überlegten wir uns, die Ruten einzuholen und überzusetzen (was wir dann doch bleiben ließen).


Glücklicherweise war unser Lager bereits regenfest und so musste am nächsten Morgen niemand von uns aufstehen, als die ersten Regentropfen fielen. Wir verschliefen den Regenguss, der den ganzen Vormittag anhielt, um dann ausgeruht ins Finale zu starten. Ich hatte im Laufe der letzten Tage eine Technik entwickelt, mit der ich es schaffen konnte, meinen Köder genau auf den Futterplatz abzulegen, ohne dort eine permanente Boje stehen zu lassen. Dazu nehme ich die noch abgelegte Rute auf, setze mich damit ins Boot und fahre dem Verlauf der Schnur entlang, bis ich mich direkt über dem Köder befinde. Nun werfe ich eine H-Boje an diesen Punkt, bevor ich die Montage vollständig einhole. Jetzt habe ich Zeit, den Köder zu kontrollieren und gegebenenfalls das Rig zu tauschen. Der meist starke Wind am Cassien treibt das Boot währenddessen zwar ab, doch die H-Boje markiert den ursprünglichen Spot. Wenn alles erledigt ist, kann ich das Rig wieder ablegen und mit offenem Bügel Richtung Ufer fahren. Die H-Boje kann man mit etwas Geschick gleich mitnehmen oder nachher abholen.

Auf diese Weise legte ich meine drei Freiwasserruten in 6, 10 und 12 Meter Tiefe erneut ab, nachdem sich nicht einmal die Krebse dafür interessiert hatten. Bruno hatte am Morgen einen großen Fisch in der Bucht zu meiner Rechten springen gehört, weshalb ich mein Nussrig dort positionierte. Bruno blieb bei seiner PVA-Technik und fing prompt einen Katzenwels am Fuße der steil abfallenden Kante.

Langsam mussten wir uns mit dem drohenden Blank abfinden, doch unser Gewissen war rein, denn wir hatten alles menschenmögliche getan, um einen Cassien-Kapfen zu fangen. Drei verschiedene Plätze, viele mit dem Boot zurückgelegte Kilometer, augeklügelte Futtertaktiken und verschiedenste Rigs - nichts half. Doch wir waren gewillt, auch die letzte Nacht mutig durchzustehen und bis zum Schluss zu kämpfen.


Als um 5 Uhr morgens der Wecker klingelte, war unser Schicksal besiegelt. Der Cassien hatte uns geschlagen, und wir mussten die Heimreise antreten, was sich als gar nicht so einfach erwies. Als wir mit den beladenen Booten gegen Norden fuhren, hatten wir mit etwas Seitenwind zu kämpfen, doch als wir ins Kreuz kamen, brach die Hölle über uns herein. Massive Sturmböjen verwandelten den See in ein wellendes, schäumiges Etwas. Unsere Schlauchboote wurden wie Spielzeuge auf und ab geworfen, und ich muss ehrlich zugeben, dass mir der Arsch in diesem Moment ziemlich auf Grundeis ging. Mit unseren E-Motoren hatten wir keine Chance, das Restaurant zu erreichen, das noch ein paar Hundert Meter entfernt lag, und so ließen wir uns vom Wind ans Ufer treiben. In der Bucht bei Pierre strandeten wir und hatten keine Wahl, unser ganzes Tackle den steilen Abhang hinauf bis zur Straße zu schleppen.


Nach einer Woche Dauerblank hatte uns der Cassien noch mal richtig eins drauf gegeben. Ein passender Abschluss zu einer anstrengenden Session, doch schon bevor wir weg waren, wussten wir bereits: Das war nicht unser letztes Treffen mit diesem See!




aja hier fehlt ein verb "Mit unseren Ruten wir Tiefen zwischen zehn"^^


