Auf dem Weg zurück nach Wolfsberg tätige ich einige Anrufe und mache mir eine Tageskarte im Moor klar. Hier ist angeblich noch alles offen. Es ist kurz nach zwölf, als ich meinen Trolley an eine Stelle bugsiere, wo ich bequem die tieferen Regionen des Gewässers anwerfen kann. Einmal Tauwurm am Kebaprig, einmal kleine gelbe Pop-Ups, jeweils garniert mit dem Stickmix meines Vertrauens, landen in etwa sechs Meter Wassertiefe. Mit einem deutlichen "Donk" küssen die Bleie den Seegrund. Endlich komme ich zur Ruhe und genieße nach der ganzen Hetzerei meinen ersten Schwarztee. Heute scheint jeder auf den Beinen zu sein. In der Stadt betrinken sie sich schon an den gerade erst eröffneten Glühweinständen. Hm, ein reizvoller Gedanke, aber nein, ich muss durchhalten! Der Winter ist lang genug zum Glühweintrinken! Weihnachten steht vor der Tür - die deprimierendste Zeit im Jahr -, doch das einzig Weihnachtliche an der heutigen Session ist meine Mütze. Ich hab sie extra mitgenommen, um vielleicht ein weihnachtliches Carpvent-Foto schießen zu können.

Seit Wochen hat die trübe Nebelsuppe das Land fest im Griff und schlägt auf die Gemüter aller. Selbst Karpfenangler, die für gewöhnlich wie ein Fels in der Brandung stehen, verlieren bei der allgegenwärtigen Düsternis die Motivation und bleiben lieber daheim. Umso überraschter bin ich, als etwa einer Stunde nach meiner Ankunft die Sonne durch die Nebelschicht bricht. Und plötzlich geht es los: Kaum treffen die Strahlen die Wasseroberfläche, tummeln sich Kleinfische in der Uferregion und fast ebenso kleine Hechte rauben was das Zeug hält. Als ob jemand den "Ein"-Schalter betätigt hätte. Großartig! Und plötzlich kommt auch Leben in meinen linken Hanger, der mit einem Ruck an den Rutenblank wandert. Ich nehme die Rute auf und drille den Spiegler routiniert aus. Und schließlich bekomme ich es: Mein Weihnachtsfoto. Tada!

Jetzt bin ich richtig motiviert. Das erkennt man bei mir daran, dass ich plötzlich alle Hebel in Bewegung setze, um noch einen Biss rauszuschinden. Da werden Ruten kontrolliert, neu ausgeworfen, Pop-Ups ausbalanciert, Reserverigs beködert, und so weiter. Und es trägt Früchte: Kurz nach Einbruch der Dunkelheit ist es der Tauwurmspieß, der einen Abnehmer findet. Ein weiterer Spiegler gleicher Klasse für die Weihnachtsgalerie. Zwar wieder ein kleiner Fisch, aber so ist das eben, wenn man "jedem Trend aus England nacheifert..."

Nun wird es Zeit, sich auf die Nacht vorzubereiten. Der Gaskocher läuft in einer Tour: Tee, Tee, Tee, Tee, Chili con Carne, Tee, Tee, Suppe, Tee, Tee, Wasser für die Wärmeflasche (wer braucht schon eine Zeltheizung?). So geht es dahin. Gegen Mitternacht ist es richtig kalt. Jeder Ausrüstungsgegenstand, der im Freien steht, ist von einer Raureifschicht überzogen. Der Inhalt des Wasserkübels neben der Abhakmatte ist nur noch ein Eisklumpen. Die Schnur in den Ringen ist festgefroren. Irgendwann interessiert sich sogar ein Fisch für meine Pop-Ups und zieht den Hanger bis nach oben, doch als ich Fühlung aufnehme, kommt mir nur noch die Montage entgegen. Pech gehabt.

Erst um 9 Uhr erwache ich, und bemerke, dass am gegenüber liegenden Ufer jemand fischt. "Fronz! He Fronz... schau, do drüben fisch noch so a Verruckta"... "Ah is der über Nocht geblieben? Na, oder?" Es sind ein paar Locals, die die Lautstärke ihrer Stimmen anscheinend falsch einschätzen und denken, ich würde sie nicht hören. Oder es ist ihnen egal. Naja, mir ist es auch egal. Ich rolle vom Bedchair, kontrolliere die Ruten und werfe neu aus. Der Tag ist wieder trüb. Nebelsuppe, Kälte, Feuchtigkeit, leichter Wind. Ich versuche mein Glück jetzt mit Maden, doch die werden mir dreimal komplett ausgelutscht. Gegen drei Uhr nachmittags gebe ich auf, packe meine Sachen und versuche, dem Nebel des Grauens zu entfliehen. Ich habe gefangen, und zu dieser Jahreszeit zählt jeder Fisch!






