
Die langen Wochenenden im Juni sind Fluch und Segen zu gleich. Einerseits kann man bei angenehmen Temperaturen die ersten Sommertage genießen und diese innere Macht zieht einen förmlich ans Wasser, andererseits geht es Tausenden anderen auch so.
Da die Gewässer in der Heimat von heuschreckenartig einfallenden Naturfreunden aus allen Bundesländern belagert werden und im (Achtung Unwort) Paylake seit Monaten nur noch Wartelistenplätze vergeben werden, hilft nur im Regelbuch nachzuschlagen. Zielfischjagd, Kapitel: Location, Absatz 1: Räumlich und zeitlich ausweichen.

Gesagt, getan. Kurzerhand wurde der Carpologist Daniel Polsinger von den Vorzügen einer Nacht im Herzen des Molochs Wien mit anschließendem Abstecher an „meinen Teich“ überzeugt. Mit der Zielsicherheit, die man nur durch jahrelange Bandtourerfahrung erringt, landet der Adler freitagabends auf meiner Couch. Bei Bier und Taktikbesprechung gerät das Fußballspiel des Jahres schnell ins Hintertreffen. Dürfte aber ziemlich gut gewesen sein, der Kick.
Samstag am Wasser verliefen die Formalitäten unkompliziert wie immer. Mit besonderer Genehmigung durften wir sogar die ganze Nacht fischen. Was ich an dieser Stelle aber loswerden möchte, während wir uns am imaginären Gewässerrundgang befinden: Habt ihr schon mal eine männliche Wurstfachverkäuferin beim Billa erlebt, die euch mit etwas unsicherer Stimme erklärt, dass er noch nie eine Wurstsemmel gemacht hat und überhaupt keine Ahnung von Wurstsorten hat, weil es sein erster Tag ist und er aber hofft, das Projekt „2tes Frühstück“ abwickeln zu können? Die Tücke liegt eben im Detail!
Daniel wählt den mir bereits bekannten Inselswim, ich beschließe, etwas Neues zu suchen und wegen der drückenden Hitze schätze ich den Faktor Schatten als oberste Priorität im Tagesablauf der Cypriniden ein. Was soll ich sagen: Ich liege natürlich falsch. Ein Großteil der Fische steht Mitte Teich an der Oberfläche, kein freier Platz von dem aus ich diesen Bereich anwerfen kann, und so beschränke ich mich darauf, eine Rute in einer kleinen Bucht abzulegen und mich die restliche Zeit mit den Locals zu unterhalten. Immerhin fangen die laufend Fisch. Teichgott und Vollzeitpensionist Adi entpuppt sich als „very crafty“ und probierts gerade mit Zig-Rigs. „Heast, schaust du ka Korda?“
Nachdem dann alle (und ich meine wirklich alle) anderen Fischer am See ihr Fangbuch um ein paar Zeilen erweiterten und sich wohlverdient Richtung Heurigen verabschiedeten, gebe ich klein bei.

Heute also Blank, wird so werden. Der Joker Tigers sticht nicht. Also Move auf die Insel zum ebenfalls recht ratlos wirkenden Hr. Polsinger. Geteiltes Leid ist eben halbes Leid.

In den Vorbereitungen für die bald hereinbrechende Nacht werden wir von einem richtigen „Männergewitter“ überrascht. Daniel schaffte es nicht mal mehr, seine Taschen und Futtermittel ins eilig aufgestellte Bivy zu bringen, als schon ein extremer Hagelschauer über uns hereinbrach.

Gerade recht um in die zweite Halbzeit zu gehen. Da wir die einzigen zwei Fischer am gesamten Teich sind, können wir uns frei entfalten: Daniel bezieht Stellung, Wurfziel 5. Baum von rechts. Eine Falle knapp vor dem eigenen Ufer. Ich lege mit den mir erlaubten 1 Kilo Kugeln einen Futterplatz großflächig im Freiwasser an, die zweite Rute zeigt ihre Kralle in Form des Hinged Stiff Rigs etwas abseits davon Richtung zweiter Bucht und Flachwasserbereich.


In den folgenden Stunden werden wir auf eine harte Probe gestellt, zum Glück ist uns selten etwas peinlich. Noch bevor die Käsegriller verzehrt wurden, verliert Daniel drei Fische. Einfach so. Der erste nimmt die Abkürzung durch eine im Wasser liegende Baumkrone, was noch nachzuvollziehen ist und Daniel nur eine nächtliche Badeeinlage und mir ein schadenfrohes Lächeln kostet. Die anderen entschieden sich dazu, nach ihren Vollruns auszusteigen. Klassisch ausgetrickst.
Während Polsi zwischen Grillpfanne und Ruten hin und hergerissen ist, beginne ich schön langsam zu realisieren, dass er mich wiedermal ausfischen wird. Geht ja um nix, aber man will halt trotzdem mehr fangen als die anderen. Mittlerweile durchbricht der vierte Run den Bann und Daniel kann endlich seinen ersten Zielfisch in Händen halten. Selten freut man sich so über einen Karpfen.

Um Mitternacht hab ich einfach keinen Bock mehr. Wir verziehen uns in die Schlafsäcke und ich freue mich schon auf einige Stunden erholsamen Schlaf im Freien. Das Gewässer wirkt wie ausgestorben in diesem Moment. Mürrisch und wortkarg versuche ich mich zu entspannen.
Wie das Gesetz der Serie eben ist: Kaum weggedöst, beginnt meine Schicht als Hofnarr des Wienerwaldteiches. Bis 5 Uhr bekomme ich sechs Bisse, von denen ich vier Störenfriede nicht zu Gesicht bekomme. Traurig. Der letzte Fisch verzieht sich überhaupt, als ich nach dem Kescher greife. Es wäre endlich mal einer der Teenager-Kategorie gewesen.


Während Daniel an seinen ersten Fischverlusten des Jahres knabbert und die vorbereiteten PVA-Sticks schwinden, versuche ich bis 3 Uhr morgens noch meine Rigs nach jedem Drill weiter zu optimieren. Einzig: Es lässt sich kein Schema ausmachen.


Was sich allerdings klar erkennen lässt: Jeder gefangene Fisch ist größer als sein Vorgänger, es scheint also, als ob die fressenden Fische und der aufgewühlte Schlamm andere Fische anlocken. Die letzte Nacht noch in den Knochen, sollten uns 25er Kugeln für ein paar Stunden in Ruhe schlafen lassen. Wiedermal falsch gedacht. Jeder bekommt noch einen Lauf auf die Klunker, wobei sich meiner eben verabschiedet und Daniel es sich wieder vor der Kamera bequem macht.

Zwei Stunden später stehen wir an unseren Autos und versuchen die Nacht auf einen Punkt zu bringen: Chaos. Hier die wichtigsten Fakten, wahrscheinlich nicht chronologisch: 14 Bisse, 8 (!) verloren, jeder gehakte Fisch hat es geschafft, die Schnur der nebenstehenden Rute trotz Absenkbleien einzusammeln, Schnurknoten und Verdrallungen ohne Ende, zwei Boilienadeln die nicht mehr aufzufinden sind, ein nackter Wolfsberger Metalfreak im Wienerwald (diese Bilder) und als I-Tüpfelchen eine Brasse zum Morgengrauen.
Dieser Teich macht mich fertig. Ich muss wieder hin.







