
Samstagnachmittage hab ich wohl schon mit den verschiedensten sinnentleertesten Möglichkeiten verbracht, die sich ein postpubertäres Hirn einfallen lassen kann. Würde heute ja auch gehen, aber ich bin schlichtweg zu faul. Anstatt hoch nervös auf gespannte Monofile zu starren und darauf zu warten, dass ein unbekanntes Monster in den Ring steigt, hab ich heute Bedchair und Tankstellenbrötchen gegen Couch und Großbildfernseher getauscht.
Nordströmung, Kälteeinbruch, Temperatursturz. Mitten im Mai , eh so wie jedes Jahr und eh so wie jedes Jahr überflüssig wie die Steuerabrechnung. Trifft mich beides immer unvorbereitet. Wäre heute eigentlich perfektes Wetter um sich ausgiebig dem süßen Schmerz eines Hangovers hin zu geben . Aber anstatt Pläne für den Abend zu schmieden, lasse ich gerade die letzten zwei Wochenenden Revue passieren.

Freitag der 13te. Ein äußerst günstiger Dienstplan und eine äußerst günstige Wetterlage sind der Grund dafür, dass ich nachmittags nicht im Büro den Schlussdienst genieße, sondern die Gesellschaft von anderen Stadtflüchtlingen im Blechdschungel Autobahn. Zeitmäßig würde es knapp werden mit dem Sonnenlicht, und insgeheim rechne ich eher mit Zeltfeststimmung als mit ruhigem Fischen. Doch manchmal hat man auch Glück: Als ich in der Dunkelheit am Wasser ankomme und mein Lieblingsplatz frei ist, läuft alles wie am Schnürchen.
Wie heißt es? Wenn es stimmt ist es kein Angeben. Boot ins Wasser, Ruten raus, Bedchair aufgeklappt. Bim! Biss! Die Nacht der Rekorde beginnt an diesem Wasser für mich: Innerhalb von 20 Minuten läuft die erste Rute ab und wenig später kann ich den wohl kleinsten von mir je gefangenen Schuppi vom Haken befreien. Während ich vom Auslegen zurück rudere, muss ich plötzlich mit mir selbst Lachen. Ok, heuer wird also das Jahr der Kleinen.
12 Stunden später lache ich wieder, die Brust breit und locker wie ein Hosengummi. Durchnässt, dreckig und total übermüdet, was gibt’s Schöneres? Ich hab heute mal gefangen, und sogar ziemlich gut. Run auf Run, mit allem Schnickschnack, Pop Ups unter Bäumen und Tigers im Freiwasser, einen Zuckerwürfel hätte ich heute aufs Haar hängen können. Ich wette, bevor er sich aufgelöst hätte, wäre ein Sauger vorbeigekommen um sich mit mir anzulegen. In Zahlen: Sechs Bisse und Fische bis 15 kg, darunter neuer PB an diesem Gewässer. Vollbeschuppt, so wie ich es mag.

Die Woche darauf ist alles einerlei. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Dayticketing-Wien steht wieder am Programm. Dieses mal etwas früher aufgekommen, befinde ich mich schon am Weg zur Nachttanke um mich mit Proviant zu versorgen. Woher man weiß, dass es zu früh ist? Wenn im Autoradio noch der derbe Housemix vom Band läuft anstatt zwei fröhliche Moderatorinnen, die sich abkämpfen, gute Laune zu verbreiten. Ob sie auch gerade am Weg zu irgendeiner 24 Stunden Tankstelle sind? Passen würde es, höchstens Trafiken sind noch ein besserer Spiegel der Gesellschaft.
Wiedermal die Hausaufgaben zu schlecht gemacht, die Tankstelle ist gar nicht rund um die Uhr offen und mit der ersten Zigarette schwelge ich kurz in. Nachttanke – da fallen mir dann doch ein paar Geschichten ein… Stundenlanges Warten auf den ÖAMTC, gefrorene Käseleberkässemmeln, Chipspackungssupergau auf der Rückbank, einmal Weihnachten dort gefeiert und die Liebe meines Lebens am Kaffeeautomaten getroffen. „Zach “eigentlich.
Am Teich angekommen, das erste bekannte Gesicht. Ein kurzer Plausch und es wird klar, ich bin angekommen. Das letzte Mal war ich noch „der Kärntner“, jetzt bin ich „der, der auf der Insel fischt.“ Aufs Neue verwundert mich die Offenheit der Locals hier.

Fischereitechnisch sollte alles wieder so laufen wie beim letzten Mal. Die Vorzeichen stehen gut, nur ein paar Testwürfe ohne Rig, einclippen, eine Handvoll Kugeln nachgefeuert und „ready to abwachseln.“ Mal schauen, wie das hier mit Boilies so läuft. Auf Partikel wollte ich für das erste verzichten, einzig ein PVA-Stick sollte reichen, um den Hakenköder etwas abzuheben und die Montage sauber zu präsentieren. Lehrbuch halt. By the way: Warum landen eigentlich Würfe mit Montage immer in Baum, während ich das lose Blei blind mit Drall und Effet unter die Büsche pfeffern kann? Ein Hole-in-one, und niemand sieht zu.

Bereits um 8 Uhr drückt die Sonne frühsommerlich auf meinen Platz und von Fischaktivität war nix zu bemerken. Windstill. Nur nicht in Lethargie verfallen, kurzerhand krame ich meine lädierte Polbrille aus der Tasche, Ruten reinkurbeln und mit Pocketcam ausgerüstet geht’s jetzt mal ans Location machen. Perfekte Bedingungen.

In relativ kurzer Zeit kann ich einige junge Karpfen ausfindig machen, ebenso recht stattliche Aiteln und ähhh, ich schätze mal das waren Zanderbabies… Hors d'oeuvre für König Esox. Von den Dicken nichts zu sehen, ein recht freizügiger Karpfen im Teenageralter, aber mit recht sportlicher Figur genießt ein Sonnenbad zwischen abgestorbenem Holz. Fastfood in Form von Proteinkugeln gibt es hier wohl selten.

Erst nach dem Mittagessen lege ich diesmal die Ruten wieder aus. Wenn mir vor fünf Jahren jemand gesagt hätte, dass ich erst Stunden ins Wasser starre um dann mit Angelkollegen über Futtervorkommen und Krautformen im Teich zu philosophieren, ungläubig wäre ich gewesen, ungläubig.

Es wird Zeit für Fisch, ehrlich gesagt. Die morgens ins Wasser geflogenen Kugeln sollten mittlerweile ihre volle Lockwirkung bei diesen sommerlichen Temperaturen entfaltet haben und so wandert das Hinged Stiff Rig genau in diese Richtung. Mein neues Lieblingsrig seit heuer. Unglaublich effektiv, und bei dem Hakensitz könnte man Stunden drillen, noch nie habe ich so schnell Vertrauen zu einer neuen Präsentation aufgebaut gehabt.

Die 2te Falle stelle ich am Fuß einer kleinen harten Erhebung, die ich kurz zuvor gefunden habe. Ca. eine Stunde später werde ich für meinen morgendlichen Einsatz belohnt und der erste, für seine Größe recht kampfstarke Schuppi, wird verhaftet. Nahbereichsfischen, wer braucht schon Koks… Bereits kleine Satzler machen auf kurze Distanz immensen Spaß, und ich muss sogar kurz aufpassen, nicht abmontiert zu werden.

Dass weitere Bisse ausblieben, schiebe ich fürs erste Mal von mir weg und gebe dem aufkommenden Gewitter die Schuld. Genau das, auf was ich gewartet habe. Ich verziehe mich unter meinen Schirm, und während sich der Teich leert, döse ich kurz über die Taktik, an die Biggies ran zu kommen. Diesmal pokere ich etwas höher, war ich doch schon direkt über ca. 50 m Fluocarbonschnur mit einer gedippten 24er Kugel am Gewässergrund verbunden. Klappt doch sicher. Sollte ein Fisch gelandet werden, war die Sache klar:
Regelmäßig würde ich hier im Rahmen der erlaubten Menge auf Beifutter in Form von Pellets und Partikel verzichten, stattdessen meinen eigenen Boilimix in verschiedensten Formen und Größen in den nächsten Monaten hier einbringen. Aus Mangel an Features klassisch konditionieren.

Um die ganze Sache jedoch abzukürzen, schon fast klischeehaft hatte ich noch einen Drill in den letzten Regentropfen und als ich später noch einem Kollegen half, einen ca. 8 kg schweren Karpfen zu keschern, kam ein Rückschlag. Auch der Achter hatte ein dermaßen kleines und weiches Maul, dass eine Kugel größer als Kaliber 16 wohl eher die Wirkung des letzten Minzblattes hätte.

Als ich meinen leichten Sonnenbrand nach Hause fahre, beginnt das Grübeln. Aus welchem Grund nochmal kann ich nächste Woche nicht ans Wasser? There is never a reason not to fish,…





