Paul warf eine Euromünze in den Kaffeeautomaten und wählte einen Cappucino mit extra viel Zucker. Er wartete auf Fritz. Die beiden trafen sich jeden Tag beim Gerätehändler, tranken Kaffee und nahmen sämtliche neuen Lieferungen als erste in Augenschein. Paul arbeitete seit 13 Jahren als Kellner in einer Bar. Er war 36 und hatte bereits schütteres Haar.
Fritz hatte er vor einem halben Jahr auf einer Karpfenmesse kennen gelernt. Gleich in der Woche darauf gründeten sie die das Team „Special Carp Forces“. Sie konnten sogar den örtlichen Konditor als Sponsor gewinnen. Er lieferte ihnen kostenlosen Vanillezucker für die Boilieproduktion.
Fritz betrat den Laden. Er trug das SCF-Shirt mit dem Zuckerbäcker-Logo. Er war seit 12 Jahren Student.
„Hallo Fritz“, sagte Paul. „Was treibst du so?“
„Hi Paul“, sagte Fritz, während er sein iPhone herauskramte und Pauls Frage ignorierte. Er hielt Paul das Handy unter die Nase. Der schaute überrascht.
„Hm… Ist das etwa…?“
„Ja er ist es. Mit einem 5-Kilo-Schuppi“, antwortete Fritz. „Ich habe ihn letztens am Scheibsdorfer Teich getroffen.“
„Du warst am Scheibsdorfer? Zum Angeln?“
„Nein, ich wollte nur ein paar Fotos vom neuen Highpod mit den Longrange-Ruten machen. Für die Homepage.“
„Ach so. Am Scheibsdorfer ist eh nix drin.“
„Ja, und voller Kraut ist er auch.“
„Und an den meisten Plätzen hat man keinen Platz fürs Zelt.“
Fritz fuhrt fort: „Auf jeden Fall, er hat gesagt, er fischt dort das erste Jahr und hat schon ein paar Kapitale erwischt.“
„Ja klar, für den ist ja sogar schon ein Zehner kapital.“
„Ich frage mich, wo er die ganzen Fische herhat, mit denen er im Internet angibt“, wunderte sich Paul. Nachdenklich trank er seinen Kaffee aus.
„Sicher irgendwo hinter der Pack“, vermutete Fritz.
„Aber die Hintergründe auf den Fotos sind ja eindeutig unsere Gewässer.“
„Photoshop… Weißt eh, seine Eltern haben ein Fotostudio.“
Die beiden betrachteten eine neue Boiliesorte im Regal. Banana-Kebap. 19 Euro das Kilo.
„Er hat mir sein Boilierezept verraten. Da ist fast nix drin außer Fischmehl. Er lässt sie sich rollen, sagt er, weil er selbst zu faul dafür ist“, stellte Fritz fest.
„Der Typ weiß gar nix.“
„Er hat gesagt, so was kümmert ihn nicht.“
„Ja, weiß er denn nicht, dass Karpfen nur einen Proteinanteil von maximal 30 Prozent verwerten können?“
„Er macht jetzt groß auf Anti-Szene. Treibt sich in den Allrounderforen herum, weil er da mit seinem Fachwissen brillieren kann. Aber in der echten Carphunter-Szene haben sie ihn längst durchschaut. Uns kann er nix mehr vormachen.“
„Wie will er denn so nur den internationalen Durchbruch schaffen?“
Paul beugte sich vor, bis er ganz nah an Fritzis Gesicht war.
„Angeblich“, flüsterte er „hat er vor ein paar Jahren einmal ein paar Karpfen mitgenommen…“
„Nein“, Fritz’ Augen weiteten sich. „In welchen Teich hat er sie denn umgesetzt?“
„Das ist es ja. In keinen. Er hat sie gegessen.“
Fritz konnte nur noch den Kopf schütteln. Seine Nash-Kappe fiel ihm fast herunter.
Paul blätterte beiläufig die neue Ausgabe des Carp Telegrapher durch. „Hier!“, sagte er und warf Fritz die Zeitung hin. „Neuerdings schickt er sein Geschreibsel an die ganzen Magazine. Und die nehmen das auch noch.“
„Die haben nur Mitleid mit ihm.“
„Sein Schreibstil ist trocken. Seine Berichte sind alle gleich: Ich kam ans Gewässer und überlegte mir eine supertolle Strategie… Dann faselt er irgendwas vom Sonnenuntergang und der Natur und fotografiert sein Essen.“
„Ja, und dann stellt er noch ein paar Fotos von Satzkarpfen dazu… Jetzt macht er einen auf poetisch. Damit will er die Weiber um den Finger wickeln.“
„Warte nur, bis wir erst die ganzen Cups gewonnen haben. Die Firmen und Magazine werden sich um uns reißen. Am besten, wir tragen jetzt schon auf allen Fotos Fox-Kappen Vielleicht wird man so eher auf uns aufmerksam“, regte Paul an.
„Irgendwo hat er einmal geschrieben, dass er an keinen Cups teilnehmen will und lieber allein angelt.“
„Der hat nur Angst. Dabei war er früher bei jedem Preisfischen dabei. Er sagt, er hat viel dabei gelernt.“
„Ja, wie man Brachsen fängt.“
„Scheiß Brachsen.“
Ein paar Minuten vergingen. Paul malte sich aus, wie es wäre, seine eigene Boilierange zu haben. „Paulis Boilies“, so würde er sie nennen.
„Er hat gesagt, er hat schon ein paar Testfischerangebote ausgeschlagen, weil er lieber mit seinen eigenen Billigkugeln fischt“, sagte Fritz.“
„Lügner! Welcher normale Mensch würde schon ein Testfischerangebot ausschlagen?“
Fritz überlegte sich, ob er noch einen Kaffee trinken sollte, aber er hatte Angst, dass seine Nerven mit ihm durchgehen und er wieder eine schlaflose Nacht erleben würde. Er ließ es bleiben und freute sich schon auf seine warme Milch zuhause.
„Das Schlimmste kommt aber noch!“, kündigte Fritz an. „Er hatte eine Frau dabei!“
„Was, eine Frau?“
„Ja, sie hieß Desiree!“
„Würdest du deine Freundin mit ans Wasser nehmen, wenn du eine hättest, Fritz?“
„Bist du verrückt? Frauen haben am Wasser nichts verloren.“ Da war Fritz konsequent. „Du vielleicht?“
„Niemals“, stellte Paul klar. „Sie labern dich voll und nerven: Mir ist kalt, mir ist langweilig, ich muss aufs Klo. Immer die gleiche Leier. Hab ich zumindest gehört... Aber ich frage mich, wie seine Frauen das aushalten. Er baut ja nicht einmal ein Zelt auf. Lässt die Kleine im Freien schlafen – und das im September. Und sie hat auch noch gekocht!“
„Lass mich raten: Als sie fertig war, hat er das Essen fotografiert!“
„Genau. Er hat sie bestimmt bezahlt, damit er vor mir angeben kann.“
„Oder auf Drogen gesetzt!“, schaltete sich plötzlich Manfred, der Verkäufer ein. „Letztens war er da und hat nach einem wasserdichten Sleepingcover gefragt. Ich hab gesagt, ich hab nur das von Fox. Da hat er umgedreht und ist gegangen.“
„Fishing Addict…“, grummelte Paul. „Fucking Addict würde besser passen. Jedes Wochenende sitzt er im Pub und trinkt Bier aus der Flasche. Bezahlen tut er immer erst eine Woche später. Wann geht der eigentlich fischen?“
„Unter der Woche“, sagte Fritz. „Ich habe ihn einmal morgens auf der Uni gesehen. Er trug noch immer die nassen Anaconda-Klamotten. Er hat gesagt, er hätte sein Ersatzgewand vergessen.“
Mittlerweile war es schon fünf. Paul dachte an die bevorstehende Arbeitsnacht. Er musste noch das Lokal kehren und die klebrigen Tische abwischen.
Fritzi riss ihn aus den Gedanken: „Sag einmal, gehen wir am Wochenende auch wieder einmal fischen?“
„Aber nein, hast du schon vergessen? Am Samstag ist unser wöchentlicher Korda-Videoabend“, entgegnete Paul. „Wir studieren das Verhalten der Fische und lernen daraus.“
„Achja, und das Wochenende danach?“
„Geht auch nicht. Am Freitag ist hier ja Hausmesse und am Samstag muss ich wieder in die Bar.“
„Ja, danach wird es draußen eh schon zu kalt zum Angeln“, seufzte Fritzi.
„Ja, aber die nächste Saison kommt bestimmt…“











