Über Theorien, Versuch und Irrtum
von Philipp Oberrisser, 23 Jahre
Hechte in Schweden, Karpfen in Frankreich, Welse in Italien, Lachse und Heilbutt in Norwegen. Für jeden unserer Fische gibt es eine Traumdestination. Länder, welche angelnde Frauen und Männer aufsuchen, keine Kosten und Mühen scheuen und zum Teil unmenschliche Strapazen in Kauf nehmen um ihren Traumfisch zu fangen.
Ich hab Glück. Ich wohne in einem dieser Länder. Österreich.

Heute ist der 26.11.2011
Tag 3 meiner ersten Wintersaison. Über die verlorenen Köder und Strapazen der letzten Angeltage will ich keine Worte mehr verlieren. Heute ist ein neuer Tag.
Ich bin alleine unterwegs. Kein Guide, kein Angelkollege, kein Freund. Niemand der mich von meinem Ziel abbringen kann. Angesichts der Wassertemperatur, der gewaltigen Wassermassen und den winterlichen Temperaturen kein ganz ungefährliches Unterfangen.
Bei Angelbeginn um 7 Uhr hat es wohlig warme -9 Grad Celsius. Das einzige was mich warm hält ist das gute Bauchgefühl welches ich seit gestern Abend habe. Die Sonne durchbricht jetzt schon den Nebel. Das Wasser ist klar und niedrig. Bilderbuchwetter sieht anders aus, zumindest was meinen Zielfisch, den Huchen angeht. So. Ab ins Auto. Jack Johnson eingeschaltet und absolut stressfrei ans Wasser. So soll es sein. Funktionsunterwäsche, Schisocken, Vliespulli, Jacke und Wathose angelegt. Durch das Marschieren zum ersten Platz ist es ungewohnt warm geworden. Ab ins Wasser zum abkühlen. Ein paar schöne Züge durch gefischt. Wurf: 651,652, 653. Nichts. 654. Köder fasst. Am Grund oder am versunkenem Baum. Köder Nr. 1 hat sich schon mal verabschiedet.

Mittlerweile wird’s wieder kalt.
An den Kehrwassern hinter den weit ins Wasser ragenden Steinaufbauten gefischt. Nichts. Toll, Wurf 680 bringt wieder einen Hänger. Wieder unlösbar. Diesmal ist das 0,50er Fluorocarbon auch weg. Platzwechsel. Naja, wie erwartet geht es so weiter wie es die letzten beiden Male geendet hat. Die Messlatte liegt in der ersten Saison auch nicht besonders hoch und ich betrachte den Fang als zweitrangig und genieße die Tage am Wasser. Stimmt. Das ist das was ich mir einredete. Macht doch jeder.
Weiter geht´s. Bekannter Platz. 682, 683, 684, 685,686 687. Nichts zu machen. Vor, Im und Nach dem Pool tut sich wieder einmal nichts. Zumindest kann ich wieder ein paar schöne Äschen beobachten. Wo die Fahnenträgerinnen sind, wird auch der König nicht weit sein. Trotzdem, das klare Wasser lässt nicht mehr als maximal 10 Würfe in einem großen Rinner zu. So die Theorie. Laut Lehrbuch sind wenigstens meine Rutenringe schon zu geist. Bis zum nächsten Platz werden sie, schon wieder abtauen. Dort hin sind es ja wieder 20 Minuten Fußmarsch. Zeit genug um Füße und Rutenringe aufzuwärmen.
So versunkener Baum, Tiefer Gumpen direkt dahinter. Wurf 688, 689, 690 und 691. Vielversprechend aber nichts. 692, Widerstand! Der nächste Hänger. Köder Nr. 3 verankert sich am Grund. Trotz mehrmaliger, bemühter Versuche bleibt er auch dort. Schnur spannen und Druck aufbauen. Und Zack. Zumindest hat es diesmal den 37kg Karabiner aufgebogen, ist mal was anderes.
An den weiten Zügen und deren Prallufern an denen ich als Kind schon Steine versenkt habe, versenkte ich bei Wurf 705 den Köder Nr. 4. Juhu. Ich kann die gewonnene Zeit nützen um neues Fluorocarbon mittels Blutknoten anzuknüpfen. Enden mit dem Feuerzeug abgeschmolzen und mit Superkleber gesichert, noch eine Schlaufe gebunden, diese durch und übern Karabiner, wieder das Ende abgeschmolzen und wieder mit Superkleber gesichert. Das Spielchen kenn ich ja schon.
Neuer Köder.
Weiter. Nur noch 295 Würfe zu meinem Fisch. Neuer Platz. In der Nähe konnte ich schon oft Huchen beim laichen sehen. Übrigens ist der Anblick der leuchtend kupferrot gefärbten Fische beim Reiben ein traumhaftes Spektakel. Laut Theorie wandert der Huchen auch nicht weit zu den Laichplätzen. So stand es geschrieben in zahllosen Berichten und Büchern.
706, 707, 708, 709, 710, 711, 712, 712, 713, 714. Ja dieser Zug war wirklich lang. 715. Wieder Hänger. Zumindest in Reichweite. Hin gewatet. Blickkontakt. Den hol ich mir. Richtung Köder merke ich dass mein Arm langsam nässt. Wieder mal mit nassem linken Arm unterwegs. So wie beim letzten Mal, als ich trotz Filzsohle an einem Nockerl (Runder Stein) ausgerutscht bin. Wenigstens ist heute die restliche Jacke trocken geblieben. Noch ein paar Würfe, hundert Meter Stromab. 716, 717, 718, 719, 720, 721. Aber ich bin mir sicher, er wird kommen, wenn nicht heute, oder beim nächsten Mal dann wenigstens in den nächsten 2-3 Jahren. Ich bin ja Optimist.
Ab ins Auto.
Zu dem´ Platz. War schon oft mit der Fliege dort und jedes Mal konnte ich den eindeutigen Duft vernehmen. Den Duft, wenn man an einen Platz kommt an dem man einen Huchen vermutet oder sogar schon beobachtet hat und eine gewisse Mystik in der Luft liegt. Man spürt den Fisch. Es ist magisch. Man vergisst alles um sich herum und verliert sich in diesem Gefühl, dem Respekt, welchem man diesem Fisch entgegenbringt. Wenn man in den Rauhnächten durch die kargen Landschaften streift. Im Schnee durch den Wald stapft. Wenn die Dämmerung einsetzt und die Trostlosigkeit über dem kalten, klarem Wasser eine unbehagliche aber ungemein wirkliche Emotion aufkommen lässt. Und dabei muss es nicht immer die Pirsch sein. Oft sind es gerade die Spaziergänge mit dem Hund, ganz ohne anglerischen Hintergedanken, welche einem die schönsten Momente bescheren.
Wurf 722. Bisserl weit, Hoffentlich hab ich mit diesem Scheißwurf niemanden vergrämt.
Wurf 723.B B Biss! Wie in der Theorie binnen der ersten 3 Versuche. Ich bin perplex. Wild rollt sich der Huchen an der Wasseroberfläche. Dann wieder zurück ins Tiefe. Wider erwarten bleibe ich erstaunlich ruhig. Das liegt vermutlich daran dass, ich mit der vehementen Attacke so gar nicht gerechnet habe. Mit konstantem seitlichem Zug kann ich ihn aus dem Gumpen in das flache Wasser manövrieren und sanft im knöcheltiefen Wasser stranden. Da liegt er, sichtlich erschöpft. Mein Erster Huchen. Kupferfarben und mit zarten schwarzen Tupfen übersät. Tolles Gefühl. Petrus hat es gut mit mir gemeint. Schnell ein, zwei Fotos mittels Selbstauslöser und dann das schönste an der (meiner) Fischerei. Das Zurücksetzen. Ich halte ihn an der Schwanzwurzel im seichten Wasser bis er dann langsam aus eigener Kraft, zurück über das Knietiefe Wasser, in den Tiefen des Gumpens und somit auch aus meinem Blickfeld verschwindet. Königlich.
Heute ist der 26.11.2011 und ich, ich bin zufrieden.

Der erste Huchen

Und noch eins

Zurück ins kalte Nass
Mit diesem Bericht möchte ich all jenen Respekt zollen, welche schon unzählige Stunden am Wasser verbracht haben, litten, froren und den Erfolg zum greifen Nah hatten und ihren Traumfisch, noch, nicht überlistet haben.
Danke
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